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07. Dezember 2017

Papst Franziskus zur Bitte des Vaterunsers

In einem Interview des italienischen Fernsehkanals TV2000 äußerte sich Papst Franziskus jetzt zur Übersetzung einer Vaterunser-Bitte: "und führe uns nicht in Versuchung" sei in dieser Formulierung "keine gute Übersetzung". Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um dann zuzusehen, wie er falle, sagte der Papst. "Ein Vater tut so etwas nicht: ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen".

Aktueller Anlass

Die Diskussion um die richtige Übersetzung dieser Bitte des Vaterunsers hat einen aktuellen Anlass. Seit dem ersten Adventssonntag hat sich diese Bitte weltweit für französischsprechende Katholiken geändert. Jetzt heißt es statt "Et ne nous soumets pas à la tentation" (dt. führe uns nicht in Versuchung) neu: "Et ne nous laisse pas entrer en tentation" (dt. lass uns nicht in Versuchung geraten).


Ein Gott, der in Versuchung führt?

Dass Menschen "Versuchungen" und Gefährdungen ausgesetzt sind, ist (nicht nur in der Bibel) unbestritten. Und das Vaterunser ist nicht die einzige Bibelstelle, die davon ausgeht, dass Menschen durch unterschiedlichste Versuchungen gefährdet sind:

Die biblischen Urgeschichten bewahren ein tiefes Wissen um diese Gefährdungen, etwa in der Gebotsübertretung Evas, um höhere Erkenntnis zu erlangen (Gen 3), in der Überwältigung Kains durch den Wunsch, sich seines Bruders Abel zu entledigen (Gen 4), in den Versuchungen Israels im Wohlstand des Gelobten Landes (Dtn 8), in der Erprobung Jesu in der Wüste (Mt 4,1-11). Auch das Gebet Jesu am Ölberg drückt das Wissen um diese Gefährdung aus: "Betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet" (Lk 22,40; vgl. 22,46).

Aber ist es Gott, der Menschen in Versuchung führt?

Aus biblischer Sicht ist völlig selbstverständlich, dass alles, was geschieht, mit Gott zu tun hat. Der Exeget Ulrich Luz führt auf diesem Hintergrund daher aus, "dass im Gebet Gottes unbedingte Macht einfach vorausgesetzt wird. Ein weltanschauliches Urteil über die Frage, wer das Böse bewirkt, will die Bitte nicht fällen." (U. Luz, Das Evangelium nach Matthäus).
Wie weit das im Neuen Testament verwendete griechische Verb είσφέρω nicht nur mit "führe uns nicht in Versuchung" sondern auch mit "veranlasse, dass wir nicht in Versuchung geraten" zu übersetzen ist, wird von Exegeten unterschiedlich beantwortet.


Das Vaterunser

Das Vaterunser ist nach biblischer Überlieferung das Gebet, das Jesus selbst seine Jünger lehrt. Es wird im Neuen Testament zweimal überliefert, in einer längeren Form in Mt 6,9-13 und etwas kürzer in Lk 11,2-4.



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