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Ökumenische Bibeltagung zur Einheitsübersetzung und Lutherbibel

"Das Wort - ganz nahe bei dir"

Mit einer ökumenischen Bibeltagung, die unter dem Leitwort "Das Wort - ganz nahe bei dir" (Dtn 30,14) stand, wurde die Einführung der Bibelausgaben in Stuttgart am 9. Februar 2017 begleitet. 

Der frühere Bischof von Erfurt, Bischof Dr. Joachim WANKE, und der frühere Landesbischof von Sachsen, Dr. Christoph KÄHLER, berichteten vor rund 200 Teilnehmenden über die Revisionsprozesse der Bibel. Bischof Kähler nannte dabei die Überarbeitung der Bibel "eine Operation am offenen Herzen", denn Bibeltexte sind Herzenstexte. Zugleich erneuerte er seinen Vorschlag, den er bereits in der Ausgabe von "Bibel und Kirche" zur Lutherübersetzung angeregt hatte, die Loccumer Richtlinien zu überarbeiten und so wieder zu einem gemeinsamen Instrumentarium zu kommen, wenn es um die Schreibweise von biblischen Namen und Orten geht.
Einführung Bischof Wanke, Präsentation Bischof Kähler

Die Journalistin Dr. Christiane FLORIN führte ein Gespräch mit der Schriftstellerin Sibylle LEWITSCHAROFF über die Rolle der Bibel für die kulturelle und religiöse Selbstvergewisserung der Gesellschaft. Lewitscharoff sprach sich dabei energisch dagegen aus, die Bibel literarisch zu verstehen: "Man entwertet die Bibel radikal, wenn man sie in den Bereich des Literarischen schickt".
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"Wir brauchen verschiedene Übersetzungen"

In einem anschließenden Gespräch würdigten Landesbischof BEDFORD-STROHM und Kardinal MARX die beiden Bibelübersetzungen. Auf die Frage, wann eine ökumenische Bibelübersetzung käme, betonte Kardinal Marx: "Wir brauchen verschiedene Übersetzungen" und Bischof Bedford-Strohm ergänzte: "Dass es zwei Prozesse [der Überarbeitung] waren, ist kein Schade, sondern eher ein gegenseitiger Reichtum."
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Workshops des Katholischen Bibelwerks und der Deutschen Bibelgesellschaft

ermöglichen weitere Einblicke in die beiden überarbeiteten Bibeln sowie eine unmittelbare Beschäftigung mit den Texten.

Immer im Gespräch mit der je anderen Bibelübersetzung - 1. Workshop: Zwei Revisionen im Vergleich

Über Anliegen, Ergebnisse und ökumenische Fragestellungen
(Landesbischof i.R. Dr. Christoph Kähler, Bischof em. Dr. Joachim Wanke)

Wie wird die Frau in den Schöpfungstexten gesehen? Der Vergleich von Gen 2,18 zeigte in diesem Workshop, welche Auswirkungen eine überarbeitete Fassung hat und wie sehr beide Bibelrevisionen den Prozess der jeweils anderen Bibel im Blick hatten. Die Übersetzung dieses Schöpfungsverses zeigt viel. Ist die Frau nach der Schöpfung also eine "Gehilfin, die um ihn [=den Menschen] sei" (Luther 1984), eine "Hilfe, die ihm entspricht" (EÜ 1980 und Luther 2017) oder eine "Hilfe, die ihm ebenbürtig ist" (EÜ 2016).
Eine weitere lebendige Diskussion entzündete sich an der Übersetzung des Gottesnamens mit HERR (geschrieben mit Kapitälchen), die jetzt beide revidierte Bibelübersetzungen aufgenommen haben. Für die Lutherbibel galt dabei zu entscheiden, ob die drei verschiedenen Schreibweisen des Gottesnamens, die sich bei Luther selbst finden (HERR, HErr und Herr) wieder aufgegriffen werden sollten. Dagegen war beim Revisionsprozess der Einheitsübersetzung von Anfang an klar, dass aus Respekt vor der jüdischen Tradition der Gottesname mit HERR widergegeben werden sollte. Ergänzt wurden Bischof Kähler und Bischof Wanke von P. Adrian Schenker für das Alte Testament. 

Kleine Biblia - 2. Workshop: Herausforderung Psalmen

Übersetzungsstrategien und Revisionsprinzipien
(Prof. Dr. Egbert Ballhorn, Dr. Hannelore Jahr)

Für die Psalmen zeigte sich im Workshop, dass hier die Frage der jahrhundertelangen Tradition eine wichtige Rolle spielte. Wie weit können Psalmentexte verändert werden, die viele Menschen auswendig kennen? Und wie kann eine Übersetzung gewährleistet werden, die singbar ist? Schon Luther selbst hatte den Psalter erst 1524 wörtlich nach dem Hebräischen übersetzt, und dann 1531 eine kommunikative Übersetzung gewählt, die stärker an der Zielsprache orientiert war. Vor dieser Entscheidung standen auch beide Revisionen. Für die Lutherbibel wurde entschieden, dass in den Psalmen nur geändert wurde, was unbedingt notwendig war, ansonsten blieb die vertraute Lutherfassung. Die Psalmen in der revidierten Einheitsübersetzung sind nun stärker an der hebräischen Vorlage orientiert. So ist es in Psalm 23 bei der Lutherfassung "er erquicket meine Seele" geblieben, während es in der Einheitsübersetzung nun "meine Lebenskraft bringt er zurück" heißt anstelle von "er stillt mein Verlangen".  Deutlich wurde das Ringen der Übersetzer im Revisionsprozess, und dass für jede (gut abgewogene) Entscheidung in den Worten von Prof. Ballhorn gilt: "Es hat seinen Preis".

Neue Sensibilität - 3. Workshop: Die jüdisch-christliche Perspektive

Vom Unmgang mit schwierigen historischen und theologischen Aspekten beim Übersetzen
(Prof. Dr. Andreas Lindemann, Prof. Dr. Michael Theobald)

"Neue Sensibilität" - das war DAS Stichwort für die jüdisch-christliche Perspektive in den Revisionsprozessen. Auch wenn israelkritische Stellen etwa bei Paulustexten oder Antijudaismen in den Evangelien durch Übersetzung natürlich nicht getilgt werden können und sollen, so zeigten beide Workshopleiter doch auf, dass wichtige Details den Klang einer Bibelstelle verantwortbar verändern. Insbesondere Anmerkungen und die Gestaltung der Überschriften sind dabei mögliche Instrumente. So macht in der neuen Einheitsübersetzung eine Anmerkung zu Joh 7,1 deutlich, dass "die Juden", die Jesus zu töten suchten, nicht das ganze jüdische Volk meint. Und Lk 6,11 war das griechische "anoia" bisher emotional übersetzt worden: die Schriftgelehrten und Pharisäer sind "von sinnloser Wut" erfüllt. Viel naheliegender ist aber die eine kognitive Übersetzung, die jetzt gewählt wurde: sie sind "von Unverstand erfüllt".
Handout Prof. Dr. Theobald, Handout Prof. Dr. Lindemann

Dem Text persönlich begegnen - 4. Workshop: Lectio Divina

Mit einer alt-neuen Methode einen Text in beiden Übersetzungen gemeinsam lesen
(Dr. Bettina Eltrop, Dr. Christian Brenner)

Der Workshop bot die Möglichkeit, zum Abschluss der Tagung einem biblischen Text in beiden revidierten Fassungen zu begegnen. Als Text für diese Begegnung wurde der Prolog Joh 1 in beiden bearbeiteten Übersetzungen in vier Schritten gelesen: lectio (Lesen) - meditatio (Besinnen) - contemplatio (vor Gott da sein) - oratio (Gebet). Diese Schritte erweisen sich als sehr belebend und geegnete, den großen "Anfangstext" der Bibel zu entschlüsseln. Die Teilnehmenden fanden in diesem Text u. a. eine Anleitung für die christliche Existenz, nämlich Tyrannei und engem nationalistischem Denken zu widerstehen. Dies hatte die Schriftstellerein Sibylle Lewitscharaoff auch im Podiumsgespräch als Proprium der Bibel herausgestellt. Unter den Teilnehmenden waren u.a. Leitende von Bildungseinrichtungen und kirchlichen Stellen, die Interesse hatten, diese Form der Bibellektüre kennen zu lernen und in ihre Kontexte zu übernehmen.

Ein gegenseitiger Austauschprozess - 5. Workshop: Revisionen im Vergleich

Einblick in den Revisionsprozess und Textarbeit an ausgewählten Beispielen
(Dr. Katrin Brockmöller, Dr. Christoph Rösel)

 "Ist mit der Hilfe in Gen 2,18 überhaupt eine Frau gemeint?" Diese etwas erstaunte Frage stellte einer der Teilnehmenden während der Textarbeit an Gen 2,4-18. Für viele überraschend wurde klar, dass dem Menschen hier ein anderes menschliches Lebewesen als Hilfe versprochen wird. Adam als männlichen Menschen gibt es an dieser Stelle noch nicht. Diese Beobachtung gab der engagierten Diskussion um die Wortwahl bei "Hilfe, die ihm gleich ist - ihm entspricht - ihm ebenbürtig ist" eine neue, sehr akzentuierte Dimension.
Ebenso engagiert wurde auch über die wechselweise Beeinflussung der Wortwahl in beiden Übersetzungstraditionen anhand von Mt 11,28-30 diskutiert. Neben viel eigenständiger Tradition - so könnte das Fazit lauten - wandern mache Begriffe von der Lutherbibel in die Einheitsübersetzung und umgekehrt. Jede Tradition hat ihre spezifische Note und insgesamt gibt es einen lebendigen Austauschprozess.
Foto (c) KNA-Oppitz
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