1. Bibelwerk
  2. Materialpool
  3. Material zu biblischen Themen

Abraham, seine Frauen und Kinder (Erzelternerzählungen)

Im Buch Genesis folgen auf grundlegenden Erzählungen über die Welt und die Menschheit  ab Gen 12 die Erzählungen über die Anfänge des Volkes Israel. Die Erzählung um Abraham und die Erzmütter Sara, Hagar und Ketura (Gen 12-25) leiten den Erzählkranz der Erzelterngeschichten ein (Gen 12-50).

Die Erzelternerzählungen der Genesis
Den Ausdruck "Erzelternerzählungen" für die Erzählungen um Sara und Abraham, Isaak und Rebekka, Jakob, Esau und den Frauen Jakobs und ihrer Kinder hat die Grazer Alttestamentlerin Irmtraud Fischer geprägt. Zuvor wurde in der alttestamentlichen Wissenschaft von "Patriarchenerzählungen" oder "Vätergeschichten" gesprochen, dies ignorierte die Mütter- und Frauenerzählungen, die starke Rolle der Frauen und der große Anteil am Genesistext, der ihnen gewidmet ist. "Erzelternerzählungen" ist  der gender-faire Ausdruck für einen Blick auf die Texte, der die Geschichten der Frauen mit einschließt.
   
Zur Entstehung der Erzelternerzählungen
Die alttestamentlichen Erzählungen entwerfen die Geschichte Israels in der Form von Familiengeschichten. Dabei gilt es, zwei Ebenen zu unterscheiden: Die Zeit, in derdie Erzählungen verfasst und niedergeschrieben wurden, und die Zeit, in der sie spielen.
Die Erzählungen um Erzeltern wie Abraham und Sara suggerieren, dass sie aus uralter Zeit erzählen. Die Stammbäume (Genealogien) verorten die Erzeltern am Anfang der Volksgeschichte, zwischen Urgeschichte (Gen 1 -11) und vor der Exodusgeschichte und damit vor der Staatenbildung Israels und Judas ab dem 10. Jh. v. Chr. Die einzelnen Episoden werden als fortlaufende Familiengeschichte erzählt. Sie sind zwar räumlich verankert durch oft genaue Ortsangaben, nicht aber in der Zeit. Die auftretenden Könige anderer Völker („Pharao", Abimelech) bleiben unbestimmt. Daraus ergibt sich ein Kolorit vorstaatlicher Zeit, gleichzeitig sind die Erzählungen dadurch in gewisser Weise zeitlos und damit transparent auf andere Zeiten hin.
Die Erzelternerzählungen wurden in der heutigen Fassung vermutlich in der Krisenzeit nach dem Untergang des Staates Juda durch die Babylonier (587/539 v. Chr.) konzipiert und niedergeschrieben, also zur Zeit des Babylonischen Exils und unter der Herrschaft der Perser (539-333 v. Chr.). Die  Geschichten der Erzeltern verkörpern die Hoffnung auf Gott und auf eine Zukunft als Volk, obwohl die konkreten Umstände in der Abfassungszeit dies nicht erwarten lassen. Gerade die Geschichte Saras, die trotz der Verheißung auf Nachkommen so lange kinderlos bleibt und erst unter für Menschen unmöglichen Umständen doch noch ein Kind bekommt, thematisiert auf Zukunft hin, dass das Vertrauen in Gottes Verheißungen Durststrecken überdauern muss. Als Familiengeschichten sprechen sie von Rivalitäten, Problemen und Hoffnungen in einer Zeit, in der die Familie bzw. der Clan/Stamm die einzige wirklich verlässliche Überlebenseinheit war. Als individuelle Geschichten, in denen die Personen politische Einheiten symbolisieren, ordnen sie die politische Identität neu (s. Stammbäume). Es ist eine Botschaft für Menschen, die ihr Land, ihre Familie, ihr Volk verloren haben und keine Zukunft für sich sehen. Die Botschaft lautet: Gott kann selbst in dieser Situation Volk und Land von Neuem erstehen lassen. Der Segen für die Erzeltern wirkt fort!
  
Die Stammbäume Israels (Genealogien)
Wie ein roter Faden durchziehen Genealogien die Genesis. Über die Stammbäume – ergänzt durch einzelne Erzählungen – werden die Erzelternerzählungen zur Familien- und damit Volksgeschichte. Genealogien klären auf den ersten Blick die Abstammung. Im Alten Orient dienen aber die Genealogien auch dazu, die politischen Verhältnisse zu erklären und in ein rechtes Licht zu setzen. Die Stammbäume wollen weniger die korrekte Abstammung aufzeichnen, als vielmehr in der jeweiligen Erzählgegenwart neuere politische, soziale, rechtliche oder religiöse Verhältnisse erklären bzw. legitimieren. „Verwandtschaft" diente dazu, politische Zusammengehörigkeit auszudrücken. Im Sinne der innerbiblischen Genealogie wurde Abraham zum Urvater vieler  Völkerschaften, die Israel umgaben: Durchden Abrahambruder Nachor ist Israel mit den Aramäern (Gen 22,20-23) verbrüdert; mit den zwölf Stämmen der Ismaeliter ist Israel durch den erstgeborenen Abrahamssohn Ismael verwandt (Gen 21,15-21; 25,12.18), den Hagar, die Sklavin Saras geboren hat. Durch seine zweite Frau Ketura wird Abraham zum Stammvater kleiner südsemitischer Volksgruppen (Gen 25,1-4).


Abraham - eine Identität stiftende Gestalt

Abram (hebr. "der Vater ist erhaben"), der erste Stammvater Israels, erhält erst im Verlauf der Erzählung nach dem Bundesschluss (Gen 17,5) den Namen Abraham (hebr. "Vater der Menge"). Nach Gen 11,31 geht Abram von Ur in Chaldäa über Haran nach Kanaan. Auf göttliches Geheiß hin verlässt er die angestammte Heimat und wanderte mit seiner Frau Sara (bis Gen 17,5: Sarai) und seinem Neffen Lot, von dem er sich dann trennen musste (Gen 13), nach Kanaan aus, siedelt dort aber nicht, sondern durchzieht Kanaan und wandert bis nach Ägypten (Gen 12). In diesen Wanderwegen der Erzeltern sind die Wege des Volkes Israel eingezeichnet. sowohl der Weg aus Ägypten (Exodus), wie die Rückkehr aus dem babylonischen Exil (Chaldäa). Von der Schwangerschaft der alten Sara und der Geburt Isaaks erzählt Gen 21 nach der Wanderschaft Abrahams in den Süden (Gen 20).

Karte:  Die Wanderwege Abrahams

Abraham  erhält von Gott drei Verheißungen: Land (Gen 12,7; 13,15), zahlreiche Nachkommenschaft  (Gen 12,2; 13,16; 15,5) und einen großen Namen (Gen 12,2). Trotzdem bleibt die Ehe von Abraham und Sara bleibt zunächst kinderlos. Saras Sklavin Hagar gebiert Ismael (Gen 16) und wird dann auf Betreiben von Sara verstoßen (Gen 21,10).  Bei der Begegnung Gottes mit Abraham bei den Eichen von Mamre (Gen 18) wird  A. trotz seines hohen Alters Nachkommenschaft verheißen. Sara hört es und lacht (Abraham lacht über die gleiche Verheißung schon in Gen 17,17). Eine breite Wirkungsgeschichte hat die Erzählung von der Bindung Isaaks in Gen 22 v.a. im Judentum. Nach Gen 25,7-11 starb Abraham im Alter von 175 Jahren und wurde in der Höhle von Machpela bei Mamre im heutigen Hebron neben Sara beigesetzt.

Vor allem im babylonischen Exil kommt Abraham die Rolle der großen, identitätsstiftenden Gestalt für das Judentum zu, sein Schicksal steht für die Erfahrungen des Kollektivs. Für das NT gilt Abraham als Vater im Glauben (Röm 4,1-5; Gal 3,6-9; vgl. Hebr 6,13-15). Abraham spielt nicht nur als Stammvater Israels für das Judentum, als Vater im Glauben für das Christentum, sondern – bei Erwähnung im Koran als „Freund Gottes" – auch im Islam als bedeutende Vorläuferfigur Mohammeds eine große Rolle. Man spricht deswegen auch von den drei abrahamitischen Religionen.




Symbol Nur für Mitglieder  Weitere Materialien für unsere Mitglieder

Stammbaum der Familie Abrahams
Viel Glück und viel Segen (Bibelarbeit mit Kindern)
Abraham und Sara in Ägypten