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Einen neuen Aufbruch wagen ...

Blume im Fels

Bibeltexte - Materialien - Methoden - Bibelarbeiten - Übersichten

Altes Testament
  1. Gen 8,13-19; 9,1.9-17: Die große Flut: Gottes Neubeginn mit den Menschen
  2. Genesis 12-50: Die Aufbrüche der Erzeltern
  3. Exodus: Aufbruch aus der Sklaverei Ägyptens und weiter Aufbrüche  in der Wüste
  4. Numeri 10,11-36: Der Aufbruch vom Sinai und der weitere Weg durch die Wüste braucht kompetente Begleitung
  5. Deuteronomium 2,1-13: Ethik des Aufbrechens
  6. Deuteronomium 26,4-10: Ein grundlegendes Bekenntnis des Gottesvolkes: "Mein Vater war ein wandernder Aramäer"
  7. 1 Könige 19: Elijas Aufbruch zum Gottesberg
  8. Jona: Aufbruch weg von Gott (Flucht)
  9. Rut: Zwei Aufbrüche von Frauen - um des (Über)Lebens willen
  10. Psalm 139: Aufbruch im Gottesbild
  11. Psalm 84 und 121-134: Aufbruch zur Wallfahrt zum Tempel
  12. Jesaja 11: "Aus dem Baumstumpf Isais bricht ein Reis hervor"
  13. Jesaja 40-55: Wege ins Exil und zurück
  14. Jesaja 43,18: Der Aufbruch von Neuem in der Krise
  15. Jeremia 15,10-21: Aufbruch als Umkehr von einem schädlichen Weg
  16. Ezechiel 36,16-38: Ein geistbewegter Aufbruch
  17. Ezechiel 37: Aufbruch aus der Resignation

Neues Testament


  1. Matthäus 2: Der Aufbruch nach Gottes Weisung im Traum
  2. Lukas 5,1-11: Beufung der Jünger
  3. Lukas 9,57-62; 10,1-16: Aussendung der 72
  4. Markus 2,1-12: Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben
  5. Johannes 20,1-18: Die Osterbotschaft der Maria von Magdala
  6. Apostelgeschichte 13; 14,21-28: Aufbrechen und Zurückkehern als Gesandte nach Missionsreisen zur Muttergenmeinde
  7. Apostelgeschichte 15,1-2.22-29: Das Ringen der frühen Kirche um Aufbruch und Richtung
  8. Apostelgeschichte 16,6-15: Der Aufbruch des Paulus nach Europa
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1) Die große Flut: Gottes Neubeginn mit den Menschen (Gen 8,13-19; 9,1.9-17)

Die Erzählung von der großen (althochdeutsch „Sint“) Flut gehört zu den Anfangsgeschichten; solche sind in der Antike Wesensgeschichten. Die ersten 11 Kapitel der Bibel – die sog. Urgeschichten – erzählen also Wesentliches vom Menschen in der Welt und von seinen Beziehungen, wie sie lebensförderlich sein können und wie bedrohlich sich lebensfeindliches Verhalten auswirken kann. Grundfragen, welche die Texte erschließen können, sind:  „Was wird über Gott, den Menschen, die Schöpfung, das Leben, an tiefen allgemeingültigen Einsichten vermittelt?“ (B. Wellmann).

Das Thema der Erzählung von der großen Flut ist: Wie kann der Schöpfergott, der das Leben geschaffen hat und erhält, zulassen, dass der Mensch durch sein lebensfeind-liches Verhalten Gottes Lebensordnung gefährdet und verkehrt? Um des Lebens und der Gerechtigkeit willen braucht es die Eingrenzung des Bösen (hebräisch im Sinn von lebensschädlich). Dafür steht symbolisch die Flut, die böse Menschen vernichtet. Die Wasser sind ein Symbol des Chaotischen, das Leben verunmöglicht.

Andererseits ist da Gottes Durchsetzungskraft, die nicht zugleich mit den Bösen die Erde vernichtet. Gott ist „ge-recht“, was im Hebräischen die Gemeinschaftstreue meint, also die Beziehungsebene anspricht. Er hält zu seinem Bund mit den Menschen. Gott kehrt in seinem Herzen um: Anstatt den Menschen zu vergelten für ihr übles Tun („Flut“), wendet er sich mit seinem „Nicht noch einmal (eine Flut)!“ diesen Menschen zu. Dreimal wird dieses wiederholt: Gen 9,11.15). Solche Umkehr von seinem lebensfeindlichen Verhalten braucht vor allem der Mensch und in Abhängigkeit von ihm die ganze Schöpfung.

Das Thema „Aufbrechen“ ist also mehrfach als Motiv im Bibeltext gegenwärtig: Noach ist der Mensch, der auf Gottes Wort hin sich aufmacht und die Arche als Überlebenshaus mitten in der tödlich verkehrten Welt baut und darin überlebt. Vor allem ist es Gott, der durch seine Herzensumkehr den Neubeginn mit den Menschen setzt, die durch ihr Verhalten die furchtbaren Folgen heraufbeschwo-ren haben. Er schließt seinen bleibenden Bund mit den Menschen. Eingeschlossen sind auch die Tiere. Der Bogen Gottes in den Wolken ist der abgestellte Kriegsbogen („qäschät“), nicht er Regenbogen, der verheißt, dass Gott dem Menschen nicht den Krieg erklärt für sein übles Verhalten – obwohl der Mensch sehr wohl die Folgen seines Tuns zu spüren bekommt. Das letzte Wort aber hat der Gott des Lebens.

Zum Thema, zur Auslegung, zur theologischen sowie pädagogischen Erschließung insgesamt s. das hervorragende Heft: Die Sintflut, Bibel Heute Nr. 170 – 2/2007.


2) Die Aufbrüche der Erzeltern (Gen 12-50)

Der Abraham-Sara-Zyklus ist durchweg ein Wechselspiel von Verheißung und Gefährdung, von Aufbruch und Wagnis, Widrigkeiten und Ankommen und erneut aufbrechen (Bsp. 1 - Gen 12,1-9: Auszug und ab V 10 in Ägypten, Aufbruch aus der Fremde mit großen Verheißungen  in ein Land, das Gott zeigt, gleich darauf Aufbruch nach Ägypten und Gefährdung der Stammmutter Sara durch Pharao und Abraham. Bsp. 2 Gen 22: Aufbruch zur Erprobung am Gottesberg Morija und erneute Verheißung nach bestandener Prüfung)

Abrahams Aufbruch (Strukturskizze)

Abraham und Sara in Ägypten (Handlungsanalyse)

Gen16: Übersetzung eng am Urtext


Im Jakobszyklus ist der Lebensweg des Stammvaters Jakob durchweg als Glaubensweg gestaltet; es sind be-weg-te Erzählungen (die Protagonisten sind unterwegs von der Geburt bis zum Tod in kleineren und größeren Bewegungen; erster Aufbruch nach Haran wegen der Gefährdung des Le-bens durch den Bruder nach dem gestohlenen Segen und er-ste eigene Gotteserfahrung auf dem Weg in Bet-El (Gen 27-28), zweiter Aufbruch aus Haran beim Schwiegervater mit Frauen und Kindern, um sich einen eigenen Lebensraum zu sichern (Gen 30), Aufbruch am Jabbok nach dem Gottes-kampf (Gen 32), Aufbruch nach Ägypten als alter Vater des  Josef (Gen 46), Aufbruch der Söhne mit dem Leichnam des Vaters nach Mamre: zu den Vätern versammeln (Gen 50).

Jakobs Aufbruch und Flucht zum Lesen mit verteilten Rollen


Josefsgeschichte: Wege zwischen Kanaan und Ägypten, dem Land der Verheißung und der Fremde, Aufbruch zu den Brüdern als Gesandter des Vaters, Aufbruch mit den Kaufleuten aus Midian nach Ägypten als Sklave (Gen 37), Aufbruch aus dem Gefängnis als Traumdeuter des Pharao (Gen 41), mehrere Aufbrüche der Brüder nach Ägypten für Brot, dort Treffen der Brüder mit Josef (Gen 42-43), Aufbruch des Vaters nach Ägypten (Gen 46).

Segen als das Leitmotiv des Weges in allen drei Erzeltern-Erzählzyklen

Häufiges Muster bzw. Leitmotiv: Aufbrechen und an einem Ort – oft solchen mit vorausgehenden Gotteserfahrungen - ankommen, eine Episode dort erleben und erneut aufbrechen (Beispiel: Gen 12,1-9)


3) Aufbruch aus der Sklaverei Ägyptens und weitere Aufbrüche in der Wüste

Aufbruch als Gottes befreiende Tat (durch „Schläge“ = Plagen erzwungen, Ex 5-12), Aufbruch als Flucht vor der pharaonischen Macht, die Menschen ausbeutet und nicht leben lässt (Ex 13-14), Aufbruch am Schilfmeer nach dem Durchzug und der endgültigen Errettung vor den Verfolgern (Ex 15,22; 16), Aufbruch  nach den Murrgeschichten und der Rückschau zu den Fleischtöpfen Ägyptens (Ex 17), Aufbruch nach der Erfahrung des Bundes am Gottesberg in die lange Zeit der Wüste mit den unzähligen Aufbrüchen dort (Ex 33; Num 10,11ff..

Beim Aufbruch geht die Wolke der Gegenwart Gottes bei Tag mit und die Feuersäule seiner Gegenwart als Orientierung bei Nacht.

Vor dem erneuten Aufbruch vom Sinai: Sehnsucht, Gott zu schauen Ex 33,12-23

Gotteserfahrung in Exodus 33 (Grafik)


4) Der Aufbruch vom Sinai und der weitere Weg durch die Wüste braucht kompetente Begleitung (Num 10,11-36)

Die Menschen vor Ort (hier vor allem Hobab, der Sohn des Schwiegervaters Moses’) kennen  die Wege durch die Wüste, sie sind für das Volk, das in der Fremde unterwegs ist, ihr „Auge“. Führende und Geführte teilen das Gute, das sie jeweils den anderen zu geben haben. Das Volk Israel teilt als Dank für das von gastgebenden Völkern Erhaltene den Segen Gottes, der mit ihm geht.

5) Ethik des Aufbrechens: Den fremden Gastgeber-Völkern nichts wegnehmen (Dtn 2,1-13)

Nach langem Aufenthalt im Gebiet des Gebirges Seir (Petra, heutiges Jordanien) brechen die Israeliten zu ihrem Ostjordanzug nach Norden auf (bis zum Nebo und von dort über den Jordan). Beim Durchzug durch die Nachbarvölker Israels – Edom, Moab und Ammon – halten sie sich an Grundregeln, die den Frieden garantieren: Bei jedem Aufbruch werden per Vertrag absprachen getroffen. Sie bleiben auf dem angegebenen Weg ohne abzuweichen, sie bezahlen für die Lebensmittel und das Wasser, das sie für Mensch und Tier zum Leben brauchen. Sie respektieren die Gastgeber in jeglicher Hinsicht.

6) Ein grundlegendes Bekenntnis des Gottesvolkes: Mein Vater war ein wandernder Aramäer  (Dtn 26,4-10)

Der biblische Text war als Erntedankgebet am Tempel in Gebrauch; man nennt ihn in der Exegese oft das Urcredo Israels. Er erinnert daran, dass von den Wurzeln her („Vater“ = Vorfahr) das Leben als Fremde in fremdem Land und als unentwegt Wandernde zum Wesenhaften des Volkes Israel gehört. Als Fremde angewiesen sein und unterwegs sein sind entscheidend für Israels Identität.
Der Aufbruch Abrahams und Jakobs aus Haran im Norden Syriens (Aram = Syrien) ins Land Kanaan, wo es zu leben in Fülle gibt („Milch und Honig“) sowie der Weg aus der Sklaverei Ägyptens mit all der Not dort, die sie bei Gott einklagten, der den Aufbruch bewirkt, sind grundlegend und immer neu Erfahrungen in der ganzen Heilsgeschichte.

Das regelmäßige Bekenntnis hält die heilsame Erinnerung daran wach und stärkt zu dem Vertrauen, dass Gott solches auch in der Gegenwart bewirkt.

7) Elijas Aufbruch zum Gottesberg (1Kön19)

Elija hat als religiöser Eiferer am Berg Karmel nach dem Gottesurteil mit Gewalt und Brutalität die Baalspriester töten lassen. Nun ist sein eigenes Leben durch die Königin Isebel gefährdet, die der Baalsreligion angehört. Sie trachtet ihm nach dem Leben. Elija  wünscht sich bei seiner Flucht in die Wüste über die Grenzen hinaus unter einem Ginsterstrauch den Tod. Der Bote Gottes führt ihn aus der Depression heraus, zuerst durch leibliche Stärkung und dnn eine Perspektive, die nicht mehr rückwärts gewandt ist, sondern nach vorne schaut. Der Aufbruch trägt und führt 40 Tage (eine Reifungszeit) durch die Wüste. Von dort bricht er nach seiner Gotteserfahrung, die einen Kontrast bildet zu der vorigen gewalttätigen, auf,  von Gott mit neuen gewaltigen Aufträgen versehen. Der Weg ist noch weiter als je zuvor: durch die Wüste zurück und von Süd nach Nord durch das ganze Land Israel hindurch. Er soll in Syrien Gottes Willen erfüllen gegen das eigene Volk, das sich nicht bekehrt. Indem er sie ihre eigene Gewalttätigkeit erfahren lässt, will er sie zur Umkehr bewegen.

Elijas Schritte aus der Verzweiflung



8) Aufbruch weg von Gott (Flucht) und in seinem Auftrag (als Prophet wirken)

Das Buch Jona ist ein nachexilisches Lehrbuch für Angehörige des erwählten Volkes Israel mit dem Thema: Gehen Gott auch die Fremden etwas an? Wirkt er auch für sie zu ihrem Heil? Einerseits flieht Jona vor der Aufgabe, nach Ninive aufzubrechen und dort Umkehr zu bewirken, dass sie ablassen von ihrem bösen Tun. In der Folge wird er von tödlich Bedrohlichem überflutet, andererseits findet er  in der Flucht und im Meer als Lebensbedrohung für ihn selbst Leben und Annahme durch Gott. Dadurch wird er zur umkehr bewegt, sodass er doch noch dahin gehen kann, wohin er soll. Die Umkehr der bösen Leute von Ninive gelingt. Aber die Geschichte zwischen Gott und Jona bleibt offen. Die Jona-Geschichte lädt uns ein, unseren Wegen nachzuspüren: den eigenen Lebensaufgaben und der zeitweiligen Flucht davor, der Verweigerung des Aufbrechens und der Annahme und des sich doch auf den Weg Machens, dem Zorn und der Güte, der Bosheit und der Umkehr.


Das Buch Jona. Satzweise gegliederte Übersetzung von Jona 1-4

Das Buch Jona. Grafik aus "Bibel heute, 4/08"


9) Zwei Aufbrüche von Frauen – um des (Über)Lebens willen: nach Moab und nach Bethlehem, in die Fremde und in die Heimat

Das Buch Rut (ein weisheitliches Buch wie Jona mit 4 Kapiteln) ist komplett aus der Sicht von Frauen geschrieben. Es geht um das Überleben der Familie, die zunächst ins Grünland Moab im Ostjordanland aufbricht, nachdem in Betlehem („Brothausen“) wegen einer Dürre kein Brot mehr zu haben ist. Der Ausgangspunkt der Geschichte ist die Situation, dass Mann und Söhne der Noemi gestorben sind und sie mit den Schwiegertöchtern am Scheideweg zwischen Moab und Juda steht: Orpa (= Nacken) bricht auf und geht zurück ins Haus ihrer Mutter, um neu zu beginnen, Rut (= Freundin) bricht mit der Schwiegermutter auf in deren Heimat Betlehem, in ein fremdes Land mit dem Gottesglauben dort. Durch ihre Freundschaft und die Heirat mit Noemis Verwandten Boas (= In ihm ist Kraft) begründet sie durch ihren Sohn die Davidsdynastie als Vorfahrin Davids.Ruts Aufbruch ist Teil der Heilsgeschichte; nach Mt 2 gilt sie auch als Vorfahrin Jesu.

Das Buch Rut – eine Geschichte über eine Frau, die als Freundin zu Neuem aufbricht, in ein neues Land, in eine neue Paar- und eine neue Gottesbeziehung


10) Aufbruch im Gottesbild: der Gott zum Davonlaufen wird ein staunenswerter Gott, der  sich persönlich um jede/n kümmert (Ps 139)

Ein Mensch, der Gott als den großen Aufpasser empfindet und vor ihm weglaufen möchte, bricht innerlich auf zu einer neuen Gottesbeziehung, indem er anfängt zu staunen über sich selbst als Wunderwerk Gottes. Die neue Sichtweise, die aufbricht, verändert seine Beziehung zu Gott und  lässt ihn den Weg des Glaubens gehen.

11) Aufbruch zur Wallfahrt zum Tempel (Ps 84; Ps 121-134)

Der Psalm 84 besingt die Sehnsucht, die Menschen vor dem Aufbruch bewegt, die innere Ausrichtung und der Halt an Gott sowie das Sichvorbereiten, sowie die Kraft, die auf dem Weg beflügelt und die Freude auf die Ankunft und die Gnade, die die Wallfahrer dort erwartet. Mit Gottvertrauen sind die Wandernden unterwegs.Die kleine Sammlung von Wallfahrtspsalmen drückt die Sehnsucht nach dem Tempel, das Sich anvertrauen in Gottes Schutz auf den gefährlichen Wegen und die Freude aus, die auf dem Weg bewegen.


12) „Aus dem Baumstumpf Isais bricht ein Reis hervor“ (Jes 11)

Jes 11 malt eine Vision, dass nach einer Katastrophe, in der scheinbar alles abgestorben ist, was vorher war (Bild vom Baumstumpf), das Leben neu aufbrechen kann. Dies geschieht durch einen verantwortlich handelnden Herrscher, der sich von Gottes Geist führen lässt ( 6 Geistgaben) und dadurch bestens beraten ist, der sich um die Schwachen kümmert, das Böse zurückdrängt und verlässlich und gerecht für das Volk ist. Die Folge ist, dass sich im Gottesvolk – beseelt von Gottes Geist - die Starken an den Schwachen orientieren (der Wolf geht zum Lamm und der Panther zum Böcklein!), dass sie einander nicht mehr bekriegen und fressen, sondern angstfrei leben können.  Dadurch kann sich das Leben ausbreiten und die Fürsorge füreinander; das lässt uns auch Gott nahe sein.

Messiastexte im Jesajabuch

Die Vision vom aufbrechenden Spross


13) Wege ins Exil und zurück (Deuterojesaja, Jes 40-55)

Im Buch Dt Jes werden die Wege aus der Fremde zurück als übersteigerter Exodus beschrieben: Nicht wie einst der Exodus als Flucht, sondern in Freiheit und festlich zieht der Zug der Glaubenden durch die Wüste. Die Wege werden von Gott geebnet, jubelnd werden sie dahinziehen. Mit dieser Perspektive werden sie zum Aufbruch bewegt.

14) „Ich mache etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ – Der Aufbruch von Neuem in der Krise, es ist schon am Wachsen (Jes 43,18)

Im Exil klagen Menschen, dass all das, was vorher überwiegend ihr religiöses Tun war, untergegangen ist mit dem zerstörten Tempel. Sie sind resigniert. Aber Gott fordert zu einer neuen Perspektive auf: die Krise ist die große Chance. Das Neue, das werden soll, ist schon am kommen. Das Exil hat dem Judentum viele Errungenschaf-ten gebracht, die es vorher nicht gab: eine Demokratisie-rung des Glaubens (vorher waren Glaubensakte viel stärker bestimmt durch die Priesterschaft), den Sabbat, die Synagoge als Versammlungsort am Sabbat, die Familie als Ort des Glaubenslebens (z.B. Feier des Sederabends am Pessachfest), das Diasporajudentum und damit die Grundlage für eine Weltreligion… Auch die heutige Krise der Kirchen kann solch eine unglaubliche Chance eines Neuaufbruchs des Gottesvolkes sein. Das Neue ist schon am Wachsen. Glaubende können es mit Gottes Hilfe wahrnehmen („Merkt ihr es nicht?“)

15) „Wenn du umkehrst, lasse ich dich umkehren“ – Aufbruch als Umkehr von einem schädlichen Weg (Jer 15,10-21)

Der Prophet Jeremia ist wegen anhaltender schlimmer Verfolgungen des Königs, seiner Berufskollegen, der Verwandten, auch der eigenen Familie, in einer schweren Depression und will nicht mehr leben. Er wendet die Anfeindungen nun gegen sich selber. Da fordert ihn Gott auf, aus dieser selbstzerstörerischen Haltung umzukehren („wenn du umkehrst,…“). Gott selbst will dann Seines dazu tun, dass dies gelingt („… lasse ich dich umkehren“)

 Jer 15: Aufbruch als Umkehr. Von einem Verhalten, das lebensbedrohlich ist. Tiefpunkt und Wende


16) „Ich hole euch heraus aus den Völkern und bringe euch in euer Land“ – ein geistbewegter Aufbruch (Ez 36,16-38)

Gott spricht zum Volk im Exil, das durch sein politisch unzuverlässiges und vor allem auch unsoziales Verhalten gegenüber den Armen die Deportation in die Fremde verschuldet hat. Er will gemäß seinem Namen („Ich bin da für euch“) sie begleiten beim Aufbruch nach Hause, er will ihr Herz mit seinem Geist bewegen, dass sie Gottes Lebensgesetze von nun an erfüllen und sich abwenden von ihrem verkehrten Verhalten (V. 31).

17) Gott bricht die Gräber der der Hoffnungslosigkeit des Volkes Israel auf und holt sie heraus – Aufbruch aus der Resignation (Ez 37)

Die Vision von der Erweckung der Totengebeine zeigt in fünf Schritten einen Weg der Verlebendigung: (1) Die Situation der Vereinzelten, die sich tot fühlen, von allen seiten anschauen, (2) ihnen Mut zusprechen, (3)  Zusammenführung (4) um den erneuernden und belebenden Geist Gottes bitten und Be-Geist-ung, (5) und Aufrichtung zu einem standhaften Volk. Der Geist bewirkt den Aufbruch bzw. die Neubelebung  in der Resignation. Das ist heute sehr aktuell.

Aufbruch aus den Gräbern der Resignation

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1) Der Aufbruch nach der Weisung im Traum (Mt 2)

Josef flieht mit Kind (Jesus)und Mutter nach einer Weisung Gottes im Traum nach Ägypten, um den grausamen Herodes zu überleben; nach weiterer Traumweisung kehren sie von dort zurück.

2) Berufung der Jünger (Lk 5,1-11 u.a.)

Sie werden als Menschenfischer ausgesandt; ihre vorigen Berufe werden umgewandelt in Nachfolge, die wie Jesus Menschen bewegen kann zum Miteinander und zum Engagement für Benachteiligte

3) Aussendung der 72 (Lk 9,57-62; 10,1-16)

Die Zahl der Jünger symbolisiert die Völker der Welt. Die Jünger und Jüngerinnen werden ausgesandt zu allen Völkern, um die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden und Menschen zu heilen. Sie brechen auf,  unbelastet von dem Vielen, was Menschen oft bindet (ohne Ranzen, Geld, Sandalen…), mit aller Vordringlichkeit, hinter der alles andere zurücktritt.

Aufbruch der Jünger zum missionarischen Wirken

4) "Steh auf, nimm deine Bahre und geh!" - Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben (Mk 2,1-12)

Bei der Gelähmtenheilung brechen zuerst die Freunde auf, um den Kranken zu Jesus zu bringen, danach brechen sie das Dach auf, um zu Jesus zu gelangen. Nach der Vergebungszusage und einem Heilungswort Jesu entsprechend bricht der Geheilte auf in ein eigenmächtiges Leben.

5) Die Osterbotschaft der Maria Magdalena (Joh 20,1-18)

Maria ist nach dem Johannesevangelium die Erstzeugin, die dem auferweckten Jesus begegnet ist. Damit kommt ihr eine sehr große Bedeutung zu in der Alten Kirche und bis heute. Auch an anderen Bibelstellen des NT, an denen Frauen in der Nachfolge Jesu erwähnt werden, führt sie oft die anderen Frauen als erste und bedeutendste an (z.B. Lk 8,1-3; Mk 15,40). Als erste der JüngerInnen bricht sie auf von ihrem bisherigen Schülerverhältnis zu Jesus (vor Ostern) zu einer neuen rolle als Gesandte Jesu Christi, die seine Botschaft auf sein Geheiß hin zu anderen bringt: „Geh zu meinen Brüdern (und Schwestern) und sag ihnen…“ (Joh 20,17f). Während der Begegnung mit dem Auferstandenen wird diese Wand-lung in Gang gesetzt durch mehrere Bewegungen einer Wende: zunächst als Abkehr aus dem Grab (als Symbol des Festhaltens am toten Jesus) heraus und als Hinkehr und Hinwendung zum lebendigen Jesus.

Genauer: Maria weint am Grab Jesu, weil (der tote) Jesus, den sie salben wollte, nicht zu finden ist. Sie will wenigstens das festhalten, was ihr geblieben ist von dieser Beziehung, die Verehrung des toten Jesus. Aber sie, die sich ins Grab als Todesbereich hineingebeugt hat, muss mehrere Wenden vollziehen: heraus aus dem Grab und weg von dem alten Jesusbild hin zum lebendigen Auferstandenen.

Der Auferstandene, den sie zunächst wegen ihrer Fixierung auf den toten Jesus nicht erkennt, lässt sie zuerst all ihre Trauer und vergebliche Suche nach ihm aussprechen, dann spricht er sie ganz vertraut mit ihrem Namen an. Sie antwor-tet erkennend in ihrer alten Rolle als Schülerin: „Meister“. Diese muss sie nun loslassen, Jesus schickt sie zu den Jüngern als seine Gesandte (wörtlich „Apostolin“). So wird sie zur „Apostolin der Apostel“ wie Augustinus sie nennt.

Zur Vertiefung eignen sich:

Susanne Ruschmann, Maria von Magdala. Jüngerin – Apostolin – Glaubensvorbild, Kath. Bibelwerk 2003, 56 S., Maria von Magdala, Heft 2/2008 Welt und Umwelt der Bibel, Kath. Bibelwerk, 80 S.


6) Aufbrechen und Zurückkehren als gesandte nach Missionsreisen zur Muttergemeinde (Apg 13; Apg 14,21-28)

Paulus und Barnabas werden von der Gemeinde mit Handauflegung zur Mission ausgesandt und beauftragt vor dem Aufbruch zur ersten Missionsreise. Nach der Rückkehr geben sie Rechenschaft vor der Gemeinde von ihrem Tun.

7) Das Ringen der frühen Kirche um Aufbruch und Richtung (Apg 15,1-2.22-29)

Der bekannte Theologe Raimon Panikkar (+ 2010) wurde gefragt: „Brauchen wir nicht ein Drittes Vatikanisches Konzil, damit sich in der festgefahrenen Kirche etwas bewegt?“ Er antwortete: Nein wir brauchen ein Konzil „Jerusalem II“.  Er meinte damit, dass es heute den Mut braucht, den die Kirche am Anfang hatte, der sie große Schritte in die Zukunft tun ließ, die viel riskierten und ungeheuer viel gewannen, der aber auch etwas kostete vom Bisherigen.

Zunächst war das Christentum eine rein innerjüdische Bewegung, die innerhalb des Synagogenverbandes lebte, zwar mit Spannungen, aber immerhin. Im Umfeld vieler Synagogen, vor allem in der Diaspora, gab es sogenannte „Gottesfürchtige“, einen Kreis von heidnischen Interessier-ten, die am jüdischen Glaubensleben Anteil nahmen, aber aus verschiedenen Gründen nicht konvertierten. Viele davon waren sehr offen für ein Bekenntnis zu Jesus als Messias. Und unter ihnen traten die gleichen Geistphäno-mene auf wie unter den judenchristlichen Gemeinde-mitgliedern. Das ließ die Frage aufkommen: Sollen sie nicht dazugehören dürfen, wenn Jesu Geist auch unter ihnen wirkt? Aber müssen sie dann nicht erst Juden werden wie Jesus es war und die Christen bisher es sind? Viele meinten: ja. Andere wie Paulus meinten: nein.

Lukas stellt uns in der Apostelgeschichte in mehreren Schritten dar, wie die Urkirche dazu kam, Heiden aufzunehmen ohne solche Vorbedingung:

Gottes Geist arbeitet an vielen Stellen gleichzeitig an Menschen, dass sie ihre festgefahrenen Überzeugungen fahren lassen; Lukas zeigt das an der Leitungsfigur Petrus: Petrus hat eine Vision: Er wehrt sich, Unreines zu essen – sprich Tischgemeinschaft mit Heiden – zu haben. Nach mehrfacher Aufforderung von Gott lässt er sich doch bewegen. Er macht sich auf Gottes Geheiß zu einem heidnischen römischen Hauptraum – Cornelius – auf. Dort wird er wieder überrascht von Gottes Geist, der keinen Unterschied macht zwischen Heiden und Juden. Jetzt kapiert und akzeptiert er es und lässt Heiden taufen (vgl. Apg 10-11). Paulus erfährt es in Antiochia und anderswo, dass der Geist Jesu bei Heiden genauso wirkt und dass gottesfürchtige Heiden gerne Christen werden (vgl. Apg 13-14). Denn Sklaven haben in der christlichen Gemeinde die gleiche Würde wie Freie, Frauen sind gleichberechtigt. Nichts wie hin! sagen sie und erfahren Jesu Geist in reichem Maß.

Nach einiger Zeit kommt es zur Entscheidung: Im „Apostelkonzil“ in Jerusalem – einem gemeinsamen Ringen von Befürwortern und Verweigerern akzeptieren die jüdischen Autoritäten der Urgemeinde, der Herrenbruder Jakobus, Petrus und Johannes und die anderen, dass Heiden ohne Juden zu werden in die Gemeinde aufgenommen werden. Sie müssen nur einige wenige Verhaltensregeln befolgen bei gemeinsamen Treffen mit Mahlfeiern, dass Judenchristen ohne inneres Grausen teilnehmen können.

Diese mutige Entscheidung hatte weitreichende Folgen: Die Kirche wuchs unglaublich. Die Heidenchristen nahmen explosionsartig zu und setzten ihr griechisches Denken und ihre Vorstellungen immer mehr durch (man denke an die griechischen und lateinischen Kirchenväter ab dem 2.Jh.), was zur Folge hatte, dass die Judenchristen nach und nach verschwanden, mangels Masse und Einfluss. Die mutige Entscheidung hat ungeheuer viel gebracht und die konservativen Judenchristen auch viel gekostet.

Zur Vertiefung: Stefan Krieger, Das Apostelkonzil – Modell einer Verständigung, in: Die Apostelgeschichte, Bibel und Kirche 2/2000,79-82





8) Aufbrechen nicht dahin, wo man selber will, sondern sich von Gottes Geist führen lassen - der Aufbruch des Paulus nach Europa (Apg 16,6-15)

Paulus will bei seiner zweiten großen Missionsreise mit Silas zusammen zu einem neuen Missionsgebiet am Schwarzen Meer aufbrechen: Bithynien. Aber sie werden daran gehindert und verstehen dies als Gottes Führung. Eine nächtliche Vision gibt darüber hinaus positiv Orientierung, was stattdessen zu tun ist: Sie sollen über die Dardanellen hinüber nach Europa und dort missionieren. So brechen sie von Troas (südlich vom alten Ort Troja gelegen) nach Europa auf und kommen in Philippi an. Dort treffen sie Frauen am Sabbat beim Gebet. Lydia wird von Gott das Herz geöffnet; sie lässt sich taufen. Die Missionare lassen sich einladen, bei ihr zu wohnen. Nach einem Gefängnisaufenthalt und der Rückkehr zu Lydia brechen sie wieder auf, zunächst auf der Via Egnatia weiter durch Mazedonien.