Aus der Not eine Tugend machen …

 

… so sagt man doch, wenn man einer schlimmen Situation doch noch etwas Gutes abgewinnen will. Jetzt in Corona-Zeiten ist das oft zu hören.

Gerade im Bereich der Digitalisierung schwärmen manche geradezu von einem „Schub“, der verkrustete Strukturen endlich in Bewegung bringt. Auch in der Kirche?

Der staatlich verordnete Lockdown hat die Kirchen hart getroffen. Öffentliche Gottesdienste waren nicht einmal zu Ostern – immerhin dem christlichen Hauptfest! – möglich. Stattdessen gab es sogenannte Streaming-Gottesdienste, die man am Computer verfolgen konnte. Dass das nicht dasselbe ist wie die aktive Teilnahme an einem Gottesdienst im Kirchenraum, ist klar. Viele haben dies schmerzlich verspürt.

Aber: Hatte dies nicht trotzdem auch etwas Positives? Aus dieser Not eine Tugend zu machen wäre zynisch. Im christlichen Leben fehlt bei solchen digitalen Gottesdiensten etwas, das durch nichts zu ersetzen ist: die persönliche Nähe und das gemeinsame Erleben.

Und trotzdem: Weil die Not für viele so groß war, haben sie Formen gesucht, wie sie christliche Gemeinde trotz allem erleben können. Sie haben miteinander in der Bibel gelesen und darüber nachgedacht, was es wirklich braucht, damit Jesus in ihrer Mitte ist. Frauen und Männer beriefen sich auf das Jesuswort „Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind …“ und haben kleine Hausgemeinden gebildet. Dort wurde nicht nur miteinander Bibel gelesen und ausgelegt, sondern auch das Brot gebrochen und der Segen gegeben. Der Rottenburger Weihbischof Matthäus Karrer sprach in diesem Zusammenhang sogar von einer „echten Renaissance“ der sogenannten Hauskirche.

Diese Besinnung auf die Ursprünge des Christentums, wo miteinander Schrift gelesen und in den Häusern das Brot gebrochen wurde, könnte wichtige Impulse für die Zukunft der Kirche geben. Man muss aus der Not keine Tugend machen. Aber man kann aus der Not lernen, worauf es eigentlich ankommt.