"Wenn wir das kontrollieren, was grenzenlos ist, dann verlieren wir die Lust, die Geduld und die Neugier auf Gott"

Dialogpredigt von Bischof Bätzing und Dr. Katrin Brockmöller beim Abschlussgottesdienst des Katholikentags

Ausgehend von den Schriftlesungen des Sonntags – der Steinigung des Stephanus, dem hohepriesterlichen Gebet Jesu und dazu apokalyptischen Bildern vom Ende der Welt – warben Bischof Bätzing und Dr. Katrin Brockmöller, geschäftsführende Direktorin des Katholischen Bibelwerks e. V.,  dafür, die biblischen Texte für Herz und Kopf, für den Glauben dieser Zeit zu erkennen. Das Martyrium des Stephanus mache deutlich, was es bedeutet, wenn andere festlegen, wer wie richtig über Gott spreche: „Die eigene Religion, Spiritualität oder Praxis absolut setzen, kann Leben zerstören – wir wissen das alle zu gut. Das Ziel der Gegner des Stephanus ist, Macht und Kontrolle in religiösen Fragen zu behalten. Ihr Vorwurf lautet: Dieser Mensch setzt neue Traditionen. Dieser Mensch hat die falsche Theologie!“ In der biblischen Erzählung hätten sich die streitenden Parteien die Argumente ohne einander zuzuhören zugeschrien, was bis zur Ermordung des Stephanus geführt habe. „Die Schuld daran wird in der Apostelgeschichte der jüdischen Seite in die Schuhe geschoben. Und hier tragen wir Christen eine schwere Bürde. Was das Christentum über die Jahrhunderte durch Abwertung und Verleumdung an Schuld auf sich geladen hat, ist schier unermesslich. Ich bin froh, dass wir heute von und mit unseren Geschwistern im Glauben versöhnt sprechen können. Als Kirche setzen wir uns mit allen Kräften gegen jede Art von Antisemitismus ein“, so Bischof Bätzing.

Dr. Katrin Brockmöller warb dafür, dass sich niemand gegenseitig die Gotteserfahrung absprechen könne und dürfe. „Was alles könnten wir voneinander lernen! Wenn wir das kontrollieren, was grenzenlos ist, dann verlieren wir die Lust, die Geduld und die Neugier auf Gott. Wir werden müde und es fehlt uns schließlich die lebendige Erfahrung.“ Angesichts der Vielfältigkeit von Positionen und Meinungen warb Bischof Bätzing dafür, trotz aller Unterschiedlichkeit einander zu bereichern: „Ich meine damit nicht, dass wir nicht mehr um die Fragen ringen! Aber vielleicht ist das Ziel nicht der kleinste gemeinsame Nenner, das, was gerade noch geht, nicht bloß irgendein Kompromiss, sondern Einmütigkeit.“ Katrin Brockmöller fügte hinzu: „Das ist vielleicht die wichtigste spirituelle Übung unserer Zeit: in der Vielfalt die Verbundenheit zu spüren.“