Maria, Weihnachten und das Einhorn. Ein seltsames Weihnachtsbild

Tafelbild eines unbekannten Meisters, 1470/80. Schatzkammer Erfurt. Bild: © Erwin Meier / Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Im 15. Jahrhundert war das Leben der Menschen in Deutschland von Krankheit, Seuchen und Armut geprägt. Der Glaube an eine neue Welt jenseits der Gegenwart schenkte Hoffnung im Heute. So lebte die alte Tradition des „hortus conclusus“, eines paradiesischen Mariengartens mit Einhorn, wieder auf. Diese Gärten lassen Menschen aus ihrem bedrückten und gehetzten Alltag heraus in eine hoffnungsvolle Welt hineinblicken: Hinter einer verschlossenen Pforte sitzt Maria in der Nähe eines versiegelten Brunnens. Es ist eine Illustration des Bibelzitates: „Ein verschlossener Garten bist du, meine Schwester, liebe Braut, ein verschlossener Garten, ein versiegelter Born.“ (Hoheslied 4,12).

Doch die Handlung geht hier weiter: Der Engel Gabriel treibt mit Hunden (diese verkörpern die Tugenden Frieden, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit) ein Einhorn in den Garten und zu Maria. Dieses seltsame Wesen, das seit Jahrhunderten die Literatur, Malerei oder den Film durchzieht (man denke nur an Harry Potter und das dort wegen seines lebensspendenden Blutes getötete Einhorn), war im Mittelalter auch ein Tiersymbol mit biblischer Tradition. Denn durch einen Übersetzungsfehler vom Hebräischen ins Griechische wurde der Auerochse (Re´em) zum Einhorn (lat. unicornis) und fand sich damit auch an der Krippe Jesu und im Mariengarten: In Ijob 39,9 heißt es in der Einheitsübersetzung 2016 "Wird dir der Wildstier (Luther: Einhorn) dienen wollen, / bleibt er an deiner Krippe zur Nacht?" Aber anders als bei manch kitschigem Einhorn unserer Tage ist dieses biblische Einhorn jedoch schnell und von kräftiger Natur.

Das Einhorn bleibt bei der Jungfrau stehen - ein Bild für die Empfängnis durch den Heiligen Geist. So kommen die Ankündigung der Geburt durch das Wort des Engels Gabriel und durch die leibliche Erfahrung in der Begegnung mit dem Einhorn zusammen. Wobei das Einhorn verdeutlicht: Gottes Kraft lässt sich nicht einfangen. Sie kommt auf wunderbare Weise als Geschenk zu Maria und wird in ihr zu Jesus, der Verkörperung Gottes in der Welt.

Weihnachten bleibt ein Geheimnis. Aber es bringt in einer Zeit, in der wieder Zäune gebaut werden, neu zum Ausdruck: Wo Gott in unserer kaputten Erde ankommt, werden Mauern durchbrochen, blühende Botschaften offenkundig und es ereignet sich eigentlich Unmögliches: Ein neuer Himmel und eine neue Erde werden aufgerichtet – durch Gottes Kraft.

Ein Beitrag zum verschlossenen Garten findet sich im Heft 4/2022 von Welt und Umwelt der Bibel