Das Evangelium nach Johannes

Nach alter kirchlicher Tradition soll der Apostel Johannes, der Sohn des Zebedäus und Bruder des Jakobus (vgl. Mk 1,19-20; 3,17) das Johannesevangelium verfasst haben. Aber sowohl die literarische Gestalt als auch das theologische Profil sprechen eher gegen eine Verfasserschaft des Apostels Johannes. Im Johannesevangelium, welches sich in vielen Dingen von den drei ersten Evangelien Mt, Mk und Lk unterscheidet, drückt sich ein großer zeitlicher Abstand zur Wirksamkeit Jesu aus, was sich nicht zuletzt auch im hohen Reflexionsniveau der Sprache zeigt.

Aufbau

Das Johannesevangelium hat einen längeren Wachstumsprozess hinter sich. So fehlt die Geschichte von Jesus mit der Ehebrecherin (vgl. Joh 7,53-8,11) in den ältesten Textüberlieferungen. Bei Joh 4,2 dürfte es sich um eine spätere Korrektur handeln. Das ganze Kapitel 21 bildet den Nachtrag einer Redaktion. Ob  weitere redaktionelle Bearbeitungen im Johannesevangelium stattgefunden haben, ist umstritten.
Das Johannesevangelium unterteilt sich wie folgt:

Joh 1,1-18         einleitender Abschnitt – Prolog
Joh 1,19-51        Zeugnis Johannes des Täufers; erste Jünger
Joh 2,1-12,50     Jesu Wirken in der Öffentlichkeit/in „der Welt“
Joh 13,1-17,26    das letzte Zusammensein Jesu mit seinen Jüngern
Joh 18,1-20,29     Erhöhung und Verherrlichung Jesu
Joh 20,30-21,25   Evangelienschluss und redaktionelles Nachtragskapitel

Entstehung

Das Johannesevangelium hat einen komplexen Wachstumsprozess hinter sich. Das zeigt nicht nur die literarische Gestaltung der Geschichten, die das Johannesevangelium mit den anderen drei Evangelien gemeinsam hat, sondern auch die kompositorische Gesamtgestaltung des Evangeliums, welches das Endergebnis eines ausgiebigen Diskussionsprozesses darstellt.
Das Johannesevangelium unterscheidet sich in der Auswahl, Anlage und Darbietung der mündlichen und schriftlichen Überlieferungen erheblich von den drei anderen Evangelien.
In seiner Endgestalt hat sich das Johannesevangelium wohl an Heidenchristen gewandt. Abgefasst wurde es von einem gebildeten Judenchristen entweder in Kleinasien (vielleicht Ephesus) oder in Syrien. Aufgrund des zeitlichen Abstands zur Wirksamkeit Jesu ist eine Datierung zu Beginn des 2. Jh.s n. Chr. wahrscheinlich.

Inhalt

Auf dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit dem Judentum nach 70 n. Chr. (Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer), der Diskussion mit Anhängern Johannes des Täufers und in Abgrenzung zu frühgnostischen Kreisen (griechisch „gnosis“ = Wissen) inszeniert das Johannesevangelium in schriftlicher Form die Selbstoffenbarung Jesu in Wort und „Zeichen“ (griechisch „semeion“) und bezeugt damit, dass dieser Jesus der von Gott gesandte Sohn, das Licht und Leben der Welt ist.
Der Logos (griechisch „lògos“ = Wort [Gottes]), der selbst Gott ist und untrennbar zu Gott gehört, wird in Joh 1,14-18 mit dem Sohn Gottes identifiziert, der in Jesus auf Erden in Wort und Tat gewirkt hat.
Während in den drei anderen Evangelien die Botschaft vom „Reich Gottes“ im Mittelpunkt steht, verkündet der johanneische Jesus sich selbst (vgl. die „Ich-bin-Worte“ in Joh 6,35; 8,12; 10,7.11; 11,25; 14,6; 15,1). Dieser Jesus kann von sich sagen „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). In ihm ist die Auferstehung und das Leben (vgl. Joh 11,25).

Aus unserer Zeitschrift "Bibel heute"

Bibelarbeit zu Joh 1,38-51 (aus: Bibel heute 161 "Weg-Erfahrungen")

Weitere Materialien

Das Johannesevangelium

Arbeitsblätter:
Joh 1 (Christuslied im Prolog); Joh 4,1-26 (Gesprächsverlauf Jesus-Samariterin)


Übersetzungen:
Joh 1,1-18 (Prolog)


Bibelarbeiten:
Joh 1,35-51 (Jüngerberufungen); Joh 15 (Bildrede-Weinstock)


Übergeordnete Themen:
Erzählende Texte im Johannesevangelium