Behindert? Begabt!
Stuttgart, 18.09.2026 Was ist eigentlich „behindert“? Die neue Ausgabe der Zeitschrift Bibel und Kirche nimmt biblische Texte aus der Perspektive der Disability Studies unter die Lupe. Dabei geraten nicht nur Menschen mit körperlichen Einschränkungen in den Blick, sondern vor allem die Maßstäbe, nach denen Körper als „normal“ oder defizitär bewertet werden. Das Heft provoziert damit eine unbequeme Frage: Muss sich der vermeintlich „andere“ Mensch verändern – oder unser Blick auf ihn?
Die Bibel erzählt von Heilungen, von körperlichen Einschränkungen und Schwäche, aber auch von religiösen Vorschriften, die Menschen aufgrund körperlicher Merkmale ausschließen. Lange wurden solche Texte danach befragt, was sie über Krankheit, Heilung oder göttliches Handeln aussagen. Die Disability Studies verschieben die Perspektive: Wer definiert das Defizit? Welche Körperbilder und gesellschaftlichen Normen stecken dahinter? Und werden Menschen mit Behinderungen als eigenständige Subjekte wahrgenommen – oder zum Mittel für eine andere Botschaft gemacht?
Wie sehr dieser Perspektivwechsel vertraute Bibeltexte verändern kann, zeigt Julia Watts Belser an Mose. Sie liest ihn als behinderten Propheten. Mose verweist selbst auf seine Schwierigkeiten beim Sprechen – doch Gott „heilt“ ihn nicht. Stattdessen sagt er ihm Unterstützung zu. Nicht Moses Behinderung wird beseitigt. Die Bedingungen werden verändert, unter denen er seine Aufgabe erfüllen kann. Dabei wird Gott selbst Teil der Verletzlichkeit im Zusammenspiel von Schöpfer und Geschöpf bei seinem Wirken in der Welt: „Was wäre, wenn auch Gott auf barrierefreien Zugang angewiesen wäre?“ Noch irritierender wird der neue Blick bei den Heilungserzählungen des Neuen Testaments. Lena Nogossek-Raithel liest sie als „ver-störende Texte“: Was bedeutet es für Menschen mit Behinderungen, wenn sie in biblischen Geschichten vor allem deshalb vorkommen, damit ihre Behinderung verschwindet? Sind Jesu Heilungen Befreiung von Stigmatisierung – oder bestätigen die Erzählungen zugleich die Vorstellung, dass bestimmte Körper verändert werden müssen? Die Ausgabe hält diese Spannung bewusst offen.
Auch andere bekannte Texte beginnen zu kippen. David Tabb Stewart untersucht die Vorschriften in Lev 21, die Männer mit bestimmten körperlichen Merkmalen vom Priesterdienst am Altar ausschließen. Jochen Wagner fragt, ob der Richter Ehud lediglich Linkshänder oder körperlich behindert war – und zeigt, dass ausgerechnet seine körperliche Besonderheit ihm Handlungsmöglichkeiten eröffnet, die andere nicht haben. Markus Schiefer Ferrari hinterfragt Jesu Aufforderung in Lk 14, Menschen mit Behinderungen zum Mahl einzuladen: Ausdruck radikaler Teilhabe – oder Instrumentalisierung für das Seelenheil des Gastgebers? Michael Tilly schließlich zeigt, wie Paulus gängige antike Bewertungssysteme von Stärke und Schwäche im Horizont seiner Kreuzestheologie infrage stellt. „Wenn ich schwach bin, bin ich stark“ (2 Kor 12,10). Die Verbindung zu Mose und Ehud ist auffällig: Nicht trotz, sondern gerade in Begrenzung und vermeintlicher Schwäche eröffnen sich neue Möglichkeiten und eine besondere Gottesnähe.
„Behindert?!“ will nicht definieren, was Behinderung ist. Das Heft dreht die Frage um: Warum gilt ein Körper als abweichend? Wer setzt die Norm? Und was geschieht, wenn nicht der Mensch, sondern diese Norm zum Gegenstand der Kritik wird? Damit reicht die Ausgabe weit über die Exegese hinaus. Sie fordert dazu heraus, eigene Körperideale und Vorstellungen von Leistungsfähigkeit, Verletzlichkeit und Teilhabe in unserer Gesellschaft zu überprüfen. Oder, wie es Markus Schiefer Ferrari formuliert: Biblische Texte können dazu provozieren, „Realität als Normalität zu hinterfragen“.
Uta Poplutz
Disability Studies und Neues Testament
Plädoyer für einen Perspektivwechsel
Julia Watts Belser
Mose – der behinderte Prophet
David Tabb Stewart
Priesteramt und Behinderung in Levitikus 21
Jochen Wagner
Ehud – ein ganz normaler Held?!
Lena Nogossek-Raithel
Ver-störende Texte
Heilungserzählungen als Zumutung
Markus Schiefer Ferrari
Mehr oder weniger – Mahlgemeinschaft nach Lk 14,12-14
Michael Tilly
„Wenn ich schwach bin, bin ich stark“ (2 Kor 12,10)
Behinderung und ihre Bewertung bei Paulus