Bibel queer lesen: Nicht gegen die Bibel, sondern mit ihr!

Stuttgart, 26.05.2026 Die Ausgabe der Zeitschrift Bibel und Kirche widmet sich einem Thema, das brisant, polarisierend und nicht einfach ist. Wie kann in kirchlichen Kontexten Ausgrenzung, Verletzung und spirituelle Sprachlosigkeit abgebaut werden? Was kann man entgegnen und begründen, wenn biblische Texte zur Legitimation von Diskriminierung missbraucht werden?

 

„Bei einem que(e)ren Bibellesen wird nicht unbedingt eine neue Schublade aufgemacht, die mit ‚queer‘ beschriftet ist, sondern es geht darum, die Texte und ihre Rezeptionen möglichst unvoreingenommen gegenzulesen und die eigenen, an den Bibeltext herangetragenen Erwartungen durchkreuzen, durchqueren zu lassen“, erläutert Prof. Dr. Marlen Bunzel. Entstanden ist das aktuelle Heft von Bibel und Kirche in Kooperation mit der Initiative OutInChurch e.V. und verbindet wissenschaftliche Exegese mit existentieller Erfahrung, theologische Forschung mit kirchlicher Realität. Die Ausgabe versteht sich ausdrücklich als Einladung – an Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche, an Interessierte, Skeptische und Suchende gleichermaßen –, sich auf neue Perspektiven biblischer Texte einzulassen. Dabei geht es nicht um eine ideologische Vereinnahmung der Schrift, sondern um sorgfältige hermeneutische Arbeit, historische Kontextualisierung und die Frage, wie Bibel heute lebensfördernd gelesen werden kann. Der Queerbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Weihbischof Ludger Schepers, würdigt die Ausgabe mit deutlichen Worten:

„Queere Menschen haben sich nicht erst heute in die Geschichten der Bibel eingeschrieben — sie waren immer Teil jener menschlichen Wirklichkeit, von der die Heilige Schrift erzählt. Dieses Buch macht sichtbar, dass Gottes Wort nicht dort endet, wo Vielfalt beginnt, sondern gerade darin seine Tiefe und Lebendigkeit entfaltet. Wer die Bibel queeren Menschen öffnet, nimmt ihr nichts von ihrer Wahrheit — er erinnert sie an ihren universellen Anspruch. Bekannte Geschichten mit neuen Augen sehen: ‚Bibel und Kirche‘ liefert mit dieser Ausgabe unverzichtbare Anregungen, um die Vielfalt biblischer Texte queer zu lesen und lebendig zu halten.“

Programmatisch eröffnet wird das Heft durch den Beitrag von Jens Ehebrecht-Zumsande, Burkhard Hose und Raphaela Noah Soden: „G*tt ist Fan von Vielfalt – Queere Perspektiven auf die Bibel“. Der Text verbindet persönliche Erfahrung, politische Wirklichkeit und theologische Reflexion. Er macht deutlich, dass queere Bibelauslegung aus konkreten Verletzungsgeschichten heraus entstanden ist – und zugleich ein Raum des Empowerments sein kann. Die Autor*innen beschreiben die Bibel als einen Ort zwischen „Schmerzerfahrung“ und „Empowerment-Buch“ und verstehen queeres Bibellesen als „spirituelle Notwehr“ gegen ausgrenzende Deutungen. 

Die wissenschaftliche und methodische Verortung übernimmt Dr. Bruno Biermann mit seinem grundlegenden Beitrag „Queer(y)ing die Bibel“. Biermann erläutert präzise die hermeneutischen und exegetischen Grundlagen queerer Bibelauslegung, ordnet sie in die internationale Forschungslandschaft ein und zeigt, wie sich Exegese, historische Forschung und Fragen von Macht, Geschlecht, Körperlichkeit und Identität miteinander verbinden können. Sein Beitrag zeigt: Queere Bibellektüre ist kein modischer Sonderdiskurs, sondern Teil ernsthafter wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Texten, Traditionen und ihren Wirkungsgeschichten.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen darüber hinaus die konkreten exegetischen Beiträge der Ausgabe. Prof. Dr. Marlen Bunzel liest die Erzählung vom Kampf Jakobs am Jabbok als Geschichte „zwischen Ringen und Umarmen“ und zeigt eindrucksvoll, wie biblische Texte eine produktive Mehrdeutigkeit entfalten können. Dr. Katrin Brockmöller widmet sich der hochaktuellen Debatte um Genesis 1,27 und fragt, ob sie eine starre binäre Geschlechterordnung begründen kann. Ihre Analyse arbeitet heraus, dass der biblische Text poetischer, offener und differenzierter ist, als manche kirchliche Position vermuten lässt. 

Eine besondere Weite gewinnt das Heft durch den interreligiösen Blick von Prof. Dr. Dina El Omari und ihrem Beitrag „Binär gedacht?“ mit neuen Perspektiven auf Geschlecht und Schöpfung im Koran. Beiträge zu neutestamentlichen Textstellen (Die Hochzeit zu Kana und das Senfkorngleichnis) zeigen, dass „queer lesen“ neue Sichtweisen in vertraute Texte bringen kann. 

Die Ausgabe Bibel queer lesen macht deutlich: Es geht nicht allein um Sexualität oder Identitätspolitik, sondern um die Frage, wie Menschen in ihrer Würde wahrgenommen werden, wer Zugang zu religiöser Sprache erhält und wie Teilhabe in Kirche und Gesellschaft möglich wird. Das Heft plädiert für eine Bibellektüre, die Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Teil menschlicher und göttlicher Wirklichkeit begreift – wissenschaftlich fundiert, spirituell sensibel und gesellschaftlich relevant.

 

 

Jens Ehebrecht-Zumsande, Burkhard Hose, Raphaela Noah Soden  
„G*tt ist Fan von Vielfalt – Queere Perspektiven auf die Bibel“
Ein Erfahrungsraum aus Theologie, Exegese und Empowerment

Bruno Biermann
Queer(y)ing die Bibel: 
Was sind Anliegen und Methoden queerer Bibelauslegungen?

Katrin Brockmöller
„Als Mann und Frau“ oder „männlich und weiblich“? (Gen 1,27)
Aspekte zur Differenzierung in einer sensiblen Debatte

Marlen Bunzel
Zwischen Ringen und Umarmen
Genesis 32 que(e)r gelesen

Burkhard Hose
Über alte Ordnungen hinauswachsen
Das Senfkorngleichnis (Mk 4,30-32) queer gelesen

Bettina Eltrop
Es fehlt die Braut – eine bewusste Leerstelle?
Die Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-12) queer gelesen

Dina El Omari
Binär gedacht?
Geschlecht und Schöpfung im Koran neu gelesen

Agnethe Siquans
Zwanzig Jahre und (k)ein Ende: Die Bibel und die Frauen 


Zwischenruf Stina Lagemann

Ein bibelpastorales Projekt aus Luzern Meinrad Furrer

Literatur zum Heftthema

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