Die Pharisäer - Vorurteile, Fakten, Einsichten
Stuttgart, 12. Januar 2026 …zwischen Gesetzestreue und Geltungssucht?! Ein neuer Blick auf die „Gegenspieler“ Jesu
Die Bezeichnung „Pharisäer“ wird in vielen Kontexten gleichbedeutend mit „Heuchler“ oder „scheinheiligem Pedanten“ benutzt. Dadurch wird ein negatives antijüdisches Klischee verfestigt, dessen Wurzeln bereits in einer einseitigen und klar „parteiischen“ Darstellung der Pharisäer in den Evangelien liegen. Die neue Ausgabe von Welt und Umwelt der Bibel hat das Anliegen, Stereotype zu überwinden, einen unverstellten Blick in die historische Quellenlage rund um die Pharisäer zu werfen und Tipps für eine theologische Praxis gegen die Vorurteile zu geben.
Neutestamentliche Texte zeichnen ein vermeintlich klares Bild: Die Pharisäer, das sind kleinkarierte Gegner Jesu, mit diesem im permanenten Konflikt rund um das Einhalten jüdischer Gesetze, dabei noch intrigant und Schuld an seinem Tod. Diese negative Charakterisierung hat die Auslegungs- und Rezeptionsgeschichte der Pharisäer geprägt und sich im kulturellen Gedächtnis verankert – bis hin zu einem „heuchlerischen“ Kaffeegetränk. Doch die Evangelien sind keine historischen Quellentexte. Sie haben ein theologisches Profil, das klar daran interessiert ist, den Weg und das Wirken Jesu darzustellen. Dabei kommt auch Jesu Haltung zur Tora und zur jüdischen Tradition in den Blick. Die Pharisäer sind erzählerisch DIE Gegner Jesu und „stehen dabei für Gruppen und Verhaltensweisen, von denen sich die entstehenden christlichen Gemeinden unterscheiden wollten und mit denen sie sich in Prozessen der gegenseitigen Abgrenzung und Profilierung befinden“, stellt Prof. Dr. Jens Schröter (Lehrstuhl für Exegese und Theologie des NT in Berlin) in der neuen Ausgabe von Welt und Umwelt der Bibel fest (WUB 4/2025, Die Pharisäer. Vorurteile, Fakten, Einsichten).
Die Evangelien loten also das „Eigene“ gegen das „Andere/Fremde“ aus und diskutieren in den Kontroversen und Disputen der Pharisäer mit Jesus vielmehr Probleme rund um Speisegesetze, korrektes Verhalten am Sabbat oder Reinheitsgebote, die die jeweiligen frühchristlichen Gemeinden in Auseinandersetzung mit ihrer jüdischen Tradition beschäftigten, als dass sie ein historisches Profil der jüdischen Gelehrten-Strömung der Pharisäer vermitteln wollten. Bei genauerem Hinsehen waren diese in ihrem Verständnis der Tora der Auffassung Jesu nämlich gar nicht so unähnlich.
Einen genauen historischen Steckbrief der Pharisäer als einer der prominentesten religiösen Strömungen zur Zeit Jesu zu erstellen, entpuppt sich als gar nicht so leichtes Unterfangen. Der emeritierte Professor für jüdische Geschichte und Literatur der hellenistischen Zeit Joseph Sievers begibt sich auf Spurensuche in jüdischen Quellen und archäologischen Zeugnissen und kommt zum Schluss, dass hier nur wenig aussagekräftige Hinweise zu den Pharisäern zu finden sind. Ein paar Informationen vermitteln immerhin die Schriften von Flavius Josephus. Weitere Aspekte liefern die Paulusbriefe – denn Paulus selbst war Pharisäer und die Verbindung seiner jüdischen pharisäischen Identität mit der Christusbotschaft eine spannende wie herausfordernde Aufgabe, von der Dr. Kathy Ehrensperger anschaulich wie überraschend berichtet.
Weitere Beiträge der Ausgabe tragen zu einem differenzierteren und aufgeklärten Bild der Pharisäer bei und schaffen die Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog zwischen Judentum und Christentum: beim Predigen über biblische Texte, die von den Pharisäern sprechen, beim (pädagogischen) Umgang mit Kinderbibeln und deren Pharisäer-Bildern sowie im Hinblick auf versteckte Antijudaismen, die sich leider allzu häufig in Sprache wie in Darstellungen entdecken lassen. Tipps zum kritischen Hinterfragen und bildungspolitischen Bekämpfen solcher „Bildstörungen“ gibt der Antisemitismusbeauftragte der ev. Kirche in Deutschland, Dr. Christian Staffa, im Interview.
Mehr erfahren: Inhalt „Die Pharisäer“ (Welt und Umwelt der Bibel (4/2025)
Michael Winker
Pharisä-wer?
Sektierer, Heuchler, Menschenfreunde?
Günter Stemberger
Viele Gruppen, große Namen
Die religiöse Vielfalt im Judentum zur Zeit Jesu
Joseph Sievers
Jenseits des Neuen Testaments
Was sagen jüdische Texte und archäologische Zeugnisse über die Pharisäer?
Jens Schröter
Die große Frage: Wer legt die Tora richtig aus?
Jesus und die Pharisäer
Kathy Ehrensperger
Ein Leben nach der Tora
Paulus und die Pharisäer
Amy-Jill Levine
Gegen die Vorurteile
Über Pharisäer predigen
Roland Deines
Wie die Pharisäer zu Feinden wurden
Eine Spurensuche in Kinderbibeln
Interview
Entdeckungen zwischen den Buchstaben
Ein Gespräch mit dem Theologen Dr. Christian Staffa
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Welt und Umwelt der Bibel – Archäologie, Kunst, Geschichte erscheint seit über 25 Jahren im Katholischen Bibelwerk e.V., in Kooperation mit dem französischen Magazin „Le Monde de la Bible“ (Bayard Presse). Forschende aus den Feldern Theologie, Archäologie, Kunst, Judaistik, Islamwissenschaft, Ägyptologie und Orientalistik berichten über Kultur, Religion und Geschichte der biblischen Länder. Damit ist das Magazin international, ökumenisch und interdisziplinär aufgestellt. Jede Ausgabe umfasst aktuelle archäologische Meldungen und Forschungen, Ausstellungs- und Veranstaltungstermine sowie Literaturtipps.
Weitere Informationen:
Die Pharisäer. Vorurteile, Fakten, Einsichten
Welt und Umwelt der Bibel 4/2025
ISBN 978-3-911227-01-8, 80 S., EUR 12,80,
Katholisches Bibelwerk e.V. 2025
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