Lebensstark durch Leid
Stuttgart, 24.02.2026 Krisen, Traumata, Risse im Beziehungsnetz zwischen Mensch und Welt: angesichts der politischen wie gesellschaftlichen Gegenwart sind diese Themen nicht fern. Klagegebete wie Psalm 22 spiegeln solche menschliche Krisenerfahrungen und machen zugleich sprachfähig für erlittenes Leid. Die aktuelle Ausgabe von Bibel und Kirche zeigt, wie bleibend aktuell der biblische Text ist, der sich als Todesschrei Jesu im kulturellen Gedächtnis verankert hat.
„Mein Gott, mein Gott – warum hast du mich verlassen?“ Diese Worte beschwören im christlichen Kontext unweigerlich das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz herauf. Doch Jesus hat diesen Schrei nicht selbst erdacht – er greift in seiner Todesstunde auf die Gebetstexte des jüdischen Volkes zurück. Der Text von Ps 22, aus dem die letzten Worte Jesu stammen, beginnt mit dem Schrei in Verlassenheit als Auftakt zu einem hochexistentiellen, emotionalen und erschütternden Durchgang von tiefster Not zur hoffnungsvollen Rettungserfahrung: Prof. Egbert Ballhorn zeichnet das Ringen und die Entwicklung des Psalms anschaulich nach. Prof. Michael Theobald zeigt in einem überzeugenden Beitrag, dass die Evangelisten Ps 22 nicht nur Jesus am Kreuz in den Mund legten, sondern dass er vielmehr als eine Art „Drehbuch“ für die Passionserzählungen an sich diente! So entsprechen je nach Evangelium die einzelnen Stationen der Leidens- und Sterbensgeschichte Christi den unterschiedlichen Passagen des Psalms fast 1:1. Doch Ps 22 bietet auch über die Passionsgeschichte hinaus vielfältige Anknüpfungspunkte und Deutehorizonte. Wurden seine Worte in der jüdischen Rezeption David oder gar Ester zugesprochen, öffnet er allgemein einen Resonanzraum für jeden „der sich verloren oder verlassen fühlt.“ Die drastischen Bilder extremer Gottverlassenheit und brutaler Feindlichkeit laden zur Identifikation ein: In Situationen von Krieg und Unglück, in persönlicher Todesangst und Krankheit. Psalm 22 ist sogar, wie Dr. Marianne Grohmann zeigt, durchsichtig auf die existentiellen Erfahrungen im Kontext von Geburt und Fehlgeburt. Die Uneindeutigkeit der Bilder und Metaphern, die Leerstellen und Zwischentöne von Ps 22 zeichnen dieses poetische Gebet aus und geben tröstliche Sprache von der Vergangenheit bis in die Gegenwart heute. Im Mitvollzug der einzelnen Abschnitte, der teils unerwarteten und abrupten Umschwünge steckt seine Stärke: die Klage kann Unaussprechlichem Sprache verleihen, kann Stumme zurück in einen Kommunikations- und Beziehungsraum führen. So bildet der Text nicht nur eine Traumaerfahrung selbst ab, sondern kann sogar helfen, aus einer traumatischen Situation herauszufinden. In der Klage steckt Kraft, steckt Ermächtigungspotential und die Hoffnung auf Resilienz nach der Bewältigung der erfahrenen Krise. Die Pointe dabei ist, dass der/die Beter_in, der/die in völliger Verlassenheit schreit, das Gefühl der Einsamkeit durch ein adressiertes Gegenüber selbst durchbricht. Im Hinausschreien ist der tiefste Punkt bereits überschritten. Das Danklied, das als zweiter Teil zur Klage gehört, ermöglicht in einer traumasensiblen Lesart folgerichtig „Ordnung, Distanzierung und Teilhabe. Das Trauma verliert seinen isolierenden Charakter und kann allmählich in die eigene Lebensgeschichte eingeordnet werden“, wie Dr. Nikolett Móricz betont. Auch in der Passion hatten Verlassenheit und Leid nicht das letzte Wort. Leid, das durch Kommunikation überwunden wird, Worte, die als Wege aus der Isolation führen? (Lebens-)stark! Wer – neugierig geworden – den Ps 22 nun selbst einmal durchbuchstabieren und miterleben will, dem bietet die neue Ausgabe von Bibel und Kirche zusätzlich ein praktisches wie ästhetisches Faltblatt mit dem kompletten Text von Ps 22.
Egbert Ballhorn
Über Abgründe hinweg
Psalm 22 – Ein Mensch ringt mit Gott und den Menschen
Michael Theobald
Psalm 22 – Drehbuch für die Passionserzählungen?
Marc Zvi Brettler, Amy-Jill Levine
Psalm 22 und seine Rezeptionen in jüdischen und christlichen Traditionen
Marianne Grohmann
Geburt und Fehlgeburt in Ps 22
Das Zusammenspiel von Anthropologie und Theologie in Psalmen
Nikolett Móricz
Das Leid annehmen und ihm widerstehen
Eine traumasensible Lektüre von Psalm 22
Judith Gärtner
Klagen lernen, Hoffnung finden – Resilienz entdecken mit Psalm 22
Jelena Herasym
Sperrig beten. Mit Psalmen in Kriegszeiten klagen