Ringen um Erklärung in der Arena des Leids
Stuttgart, 20.04.2026 Einer Welt, die dazu neigt, viele Worte zu machen und schwarz-weiße Eindeutigkeiten zu erzwingen, hält die neue Ausgabe von Bibel heute Mehrdeutigkeit als Stärke entgegen. Das Leiden Hiobs kann nicht einfach erklärt werden, einen eindeutig Schuldigen sucht man vergeblich. Warum Schweigen inmitten von Gewalt, Krieg und Leid manchmal tröstlicher ist als viele Worte, zeigen die eindrucksvollen Auseinandersetzungen mit dem Leidenden schlechthin: Hiob.
„Herr, nimm uns von hier fort! Unsere Kraft ist erschöpft, wir können nicht mehr kämpfen.“ Mit diesem Ruf aus tiefer Verzweiflung beschreibt Nadiya Sukhorukova in ihrem Buch „Mariupol. Hope“ die Hoffnungslosigkeit im Ukrainekrieg. Sr. Jelena Herasym unternimmt den eindrucksvollen Versuch, diese aktuelle Kriegssituation auf die Lage der biblischen Figur Hiobs hin durchsichtig werden zu lassen. Ausgangspunkt ihrer Gedanken ist die Frage „Warum schweigt Gott?“ Hiob ist weit über biblische Kontexte hinaus sprichwörtlich für das Ertragen übermenschlichen Leids. Die Frage, warum Gott Leid schweigend zulässt, seit Jahrhunderten der Knackpunkt der Theodizee-Frage. Und doch sind die Antwortversuche Herasyms überraschend, um nicht zu sagen: entlarvend. Das Schweigen Gottes ist Gold. „Durch sein Schweigen legitimiert er menschlichen Protest und ehrliches Gebet ohne Zensur.“ Im Schweigen nimmt Gott das leidende Gegenüber ernst. Das klingt erst mal zynisch. Doch angesichts der noch viel zynischeren Ratschläge von Hiobs Freunden, öffnet gerade der Raum der Stille eine neue Begegnungsmöglichkeit mit Gott. Die neue Ausgabe von „Bibel heute“ zeigt solche Begegnungsmöglichkeiten mit Gott und Hiob auf und liefert dabei viele Grundinformationen und Tipps, wie die nicht einfache Lektüre gelingen kann. Dabei öffnen vor allem die biographischen Zugänge die Augen. In seiner existentiellen Thematik lässt das Hiobbuch nicht kalt und lädt zur – durchaus unbequemen – Identifikation mit dem Leidenden oder den Ratschlagenden und Begleitenden ein. Das Bewusstmachen, dass man in seinen Erfahrungen nicht allein ist, kann guttun, weiß auch die Seelsorgerin Geertje Bolle. Für sie ist die Vielstimmigkeit der Reaktion auf Leid die eigentliche Stärke des Buches Hiob. Eine, die sich einreiht in die Reihe derer, die im Leben durch Leid gebrochen sind, ist Frida Kahlo. Ihre Selbstbildnisse, von denen das Gemälde „Die gebrochene Säule“ im Kunst-Beitrag der Ausgabe besprochen wird, sind imponierender Ausdruck eines aufrechten Aushaltens. Im nicht-Hinnehmen-Wollen und im Aufschrei gegen das Leid reicht Frida Hiob die Hand. Möglichkeiten, sich selbst ins Gespräch mit dem Bibeltext zu begeben, die Klagen Hiobs sprachlich nachzuvollziehen, aber auch nötiges Hintergrundwissen – z.B. in den erhellenden Beiträgen von Prof. Klaus Bieberstein – für die Lektüre zu erwerben, stärken die eigene Auskunftsfähigkeit hinsichtlich der vielen verstrickten und auch verwirrenden Textbausteine des Buches Hiob. Erkenntnisse sind dabei unter anderem: Hiob war Araber! Gott trägt im Buch Hiob den interreligiös verständlichen Namen „Schaddai“! Die literarischen Schichten des Buches präsentieren ganz unterschiedliche Sichtweisen auf Leid! Die Aktualität des Erzählstoffs quer durch die Epochen beweist auch ein Blick in die Literatur: Das Motiv der Wette zwischen Gott und seinem Gegenspieler eröffnet nicht nur das Buch Hiob, sondern auch Goethes Faust! Welche unterschiedlichen Schwerpunkte jedoch im weiteren Verlauf der Handlung gesetzt werden, verrät der Artikel von Jana Katharina Dahm und Lara Thum. Was sagt man nun Leidenden – Tröstendes, Hilfloses, Klagendes? Eine befriedigende, allgemeingültige Antwort kann das Buch Hiob nicht geben – ebenso wenig wie die neue Ausgabe von „Bibel heute“. Dass sie jedoch alles Werkzeug zur Verfügung stellt, um Leserinnen und Leser zur Erkenntnis zu verhelfen, dass es am Ende besser ist, Anteil nehmend zu schweigen als leere Worte zu machen, ist der Verdienst der reichhaltigen und nachdenklich stimmenden Beiträge.
Einblick
Hiobs Botschaft
Worum geht es im Buch Hiob?
Wissenswertes
Hiobs Welt
Das Buch Hiob siedelt seine Erzählung im arabischen Ausland an
Wissenswertes
Ringen um angemessene Worte
Sichtweisen über das Leid in den literarischen Schichten des Buches
Text und Gegenwart
Das Schweigen Gottes
Hiob ringt mit einem Gott, den er nicht sieht, hört oder versteht
Auf ein Wort mit Geertje Bolle
Wenn Trost nicht passt: Hiob und Seelsorge
Blick in den Text
Wenn Beten weh tut
Hiob 7,1-11 ist kein frommer Text, sondern ein Zeugnis von Überforderung
Hiob 2,9-10
Namenlos leidend – Hiobs Frau
Während der Name des Leidenden auch außerhalb bibelfester Kreise bekannt ist, bleibt Hiobs Frau im Schatten
Klartext
Was sage ich, wenn …
Antworten auf fundamentalistische Bibelauslegungen
Kunst
Die Wunden malen
Die Malerin Frida Kahlo war wie Hiob mit persönlichem Leid konfrontiert
Literatur
Wie viel Hiob steckt in Goethes „Faust“?
Haben die Bibel und Goethes „Faust“ viel gemeinsam?
Hiob 4-28
Was sagt man Leidenden?
Hilflosigkeit, die passenden Worte zu finden, kennen auch wir
Praxis
Im Gewebe von Wort, Leid und Leben
Kunstinstallation in der Fastenzeit im Kleinen Michel, Hamburg