Rucksack, Sehnsucht, Sinnsuche
Stuttgart, 27.04.2026 Alle wollen unterwegs sein – aber wohin eigentlich? Während Burn-out-Debatten, Sinnsuche und globale Krisen den Alltag prägen, erlebt das Pilgern weltweit ein Comeback. Die neue Ausgabe von „Welt und Umwelt der Bibel“ nimmt Leserinnen und Leser mit auf eine Reise zu den Ursprüngen dieser Bewegung – und zeigt, warum das Unterwegssein heute mehr ist als nur ein Lifestyle-Trend.
„Ich bin dann mal weg“ – dieser Satz ist längst zu einer Haltung geworden. Doch was heute wie ein moderner Selbstfindungstrip wirkt, hat tiefe historische Wurzeln. Unter dem Titel „Pilgern – Der Weg und das Ziel“ entfaltet die aktuelle Ausgabe von „Welt und Umwelt der Bibel“ ein Panorama, das von biblischen Zeiten bis zu virtuellen Pilgerreisen reicht – und dabei überraschend viele Parallelen zur Gegenwart sichtbar macht.
Ein besonders anschaulicher Beitrag zeichnet nach, warum Menschen überhaupt pilgern. Religionswissenschaftler Prof. Oliver Krüger zeigt, dass Pilgern mehr ist als Bewegung von A nach B: Wer sich auf den Weg macht, verlässt bewusst den Alltag und betritt einen Zwischenzustand – eine Art „Auszeit mit Tiefgang“. Gerade in einer Welt, die ständig beschleunigt und digitalisiert wird, wirkt das wie ein Gegenentwurf zum Dauer-Online-Sein. Pilgern erscheint hier fast als kulturelle Antwort auf Stress, Orientierungslosigkeit und den Wunsch nach Sinn.
Historisch spannend wird es im Blick auf das antike Israel: Der Beitrag von Prof. Jürgen K. Zangenberg rekonstruiert, wie Jerusalem zu einem zentralen Pilgerziel aufstieg und wie religiöse Wege ganze Gesellschaften prägten. Pilgerfahrten waren nicht nur religiöse Rituale, sondern auch soziale Großereignisse – Treffpunkte für Austausch, Handel und Gemeinschaft. Dass heilige Orte bis heute politisch sensibel sind, zeigt, wie aktuell diese historischen Entwicklungen geblieben sind.
Besonders plastisch wird das Thema im Beitrag von Prof. Markus Lau, der zeigt, wie aus einfachen Orten „magnetische Plätze“ werden. In den Evangelien entstehen heilige Landschaften nicht zufällig: Orte, an denen Jesus wirkte, heilte oder predigte, wurden zu Anziehungspunkten für Gläubige – lange bevor es feste Pilgerrouten gab. So formte sich Schritt für Schritt eine sakrale Topografie, in der Erinnerung, Erzählung und Bewegung untrennbar zusammengehören. Der Beitrag macht deutlich: Heilige Orte sind nicht einfach da – sie entstehen, weil Menschen ihre Geschichten immer wieder neu an sie knüpfen.
Überraschend ist auch der Blick über den Tellerrand: Ein Beitrag von Prof. Isabel Toral zum Hadsch nach Mekka macht deutlich, dass Pilgerbewegungen schon lange globale Dimensionen hatten. Millionen Menschen unterwegs zu einem gemeinsamen Ziel – das klingt heute nach internationaler Mobilität, ist aber seit Jahrhunderten religiöse Praxis. Die Ausgabe zeigt eindrucksvoll, dass Pilgern immer auch Begegnung zwischen Kulturen und Lebenswelten bedeutet.
Doch das Heft bleibt nicht in der Vergangenheit stehen. Es fragt auch, wie Pilgern heute funktioniert: digital, barrierefrei und inklusiv. Beiträge zu virtuellem Pilgern oder zu Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen machen deutlich, dass sich selbst uralte Rituale stetig verändern und neue Formen annehmen.
Weitere Beiträge führen von antiken paganen Heiligtümern wie dem Artemistempel in Ephesos über spätantike Pilgerzentren und Reiseberichte wie den der berühmten Pilgerin Egeria bis ins Tabgha der Gegenwart. So wird die Ausgabe selbst zu einer Art Reise – voller überraschender Wegmarken, historischer Perspektiven und aktueller Denkanstöße. Pilgern, so zeigt dieses Heft eindrucksvoll, ist kein Relikt von gestern, sondern vielleicht genau das, was eine rastlose Gegenwart dringend braucht.
Oliver Krüger
Unterwegs zu heiligen Orten und zu sich selbst
Hintergründe des Pilgerns
Jürgen K. Zangenberg
„Zum Haus JHWHs wollen wir gehen“
Pilgern im alten Israel und nachexilischen Judäa
Wallfahrt nach Jerusalem
Markus Lau
Magnetische Orte und anziehende Personen
Pilgern in den Evangelien und die Entstehung einer sakralen Topografie
Andreas Müller
„Groß ist die Artemis von Ephesos“
Pilgern zum Weltwunder
Isabel Toral
Der große Hadsch – Tradition, Rituale und gesellschaftliche Dimensionen
Die Praxis des religiösen Pilgerns im Islam
Abenteuer auf dem Weg und Kuriositäten am Ziel
Konstantin Klein
Von einer, die auszog, um die Welt mit dem Wort zu vergleichen
Die Pilgerin Egeria auf den Spuren der Bibel
Steffen Diefenbach
Inszenierungen des Heiligen
Entstehung und Ausbau von Pilgerzentren in der Spätantike
Andreas Müller
Fest und Askese
Das Theklaheiligtum in Seleukia
Christina Haupt und Bernhard Kronegger
Zwischen Isis und Christus
Das Jerusalemer Pilgergraffito
Interview mit P. Josef San Torcuato OSB
Zu den – sieben – Quellen unserer Hoffnung
Gastfreundschaft in schweren Zeiten
Georg Röwekamp
Nicht nur mit dem Finger auf der Landkarte …
Virtuelles Pilgern im Lauf der Geschichte
Sabine Schäper und Ferdi Schilles
Viel mehr als anders
Zur Bedeutung der Pilgererfahrung von Menschen mit Behinderung