Zwischen Protest-Haarschnitt und Mönchskapuze - Wie in der Bibel Kleider Leute machen
Stuttgart, 27.01.2026 Jesuslatschen und wallende Gewänder, das sind typische Assoziationen für „biblische Kleidung“. Die neue Ausgabe von Welt und Umwelt der Bibel zeigt jedoch: Die Mode der biblischen Zeiten hat viel mehr Facetten. Das beginnt bei der schweißtreibenden Arbeit beim Herstellen der Alltagskleidung in der Levante, geht über metaphorisches „Powerdressing“ literarischer Figuren, realen zaubermächtigen Amuletten und schmucken Grabbeigaben bis hin zum provokanten Protest-Haarschnitt von Frauen in frühchristlichen Gemeinden – Kleider machten Leute!
Denkt man an Bibel, Kirche und Religion, fällt einem vermutlich nicht sofort das Stichwort „Modebewusstsein“ ein. Ein Blick in biblische Texte überrascht: Im Fall von Judit, Heldin des Volkes Israel, ist das aufreizende Zurechtmachen sogar mit ihrer Torafrömmigkeit verknüpft. „Mit all ihren Schmuckstücken“ verwandelt sie sich von einer trauernden Witwe zur siegreichen Kriegerin und rettet das Volk vor dem drohenden Untergang. Die Rezeptionsgeschichte erzählt von dieser besonderen Rettungstat mitsamt der modischen Metamorphose in eindrucksvollen Gemälden.
Doch ein auffälliges Äußeres konnte auch pure Provokation sein: Paulus spricht im Korintherbrief davon, dass Frauen im Gottesdienst ihren Kopf verhüllen sollten. Laut Prof. Sabine Bieberstein ging es dabei nicht – wie traditionell gedeutet – um das Tragen einer Kopfbedeckung, sondern um eine angemessene Frisur, die für Frauen verhüllende, lange Haare vorsah. Prof. Bieberstein schlussfolgert, dass es in der Gemeinde von Korinth offenbar Frauen gab, die sich eine provokante, genderneutrale Kurzhaarfrisur zugelegt hatten, und zwar vielleicht sogar mit einem „frommen“ Hintergedanken: Proklamiert doch der Brief des Paulus an die Galater, dass es „nicht mehr männlich und weiblich“ gebe, wenn man „Christus angezogen habe“! (vgl. Gal 3,26-28)
Offenbar war jedoch nicht nur Paulus davon überzeugt, dass das äußere Erscheinungsbild gewissen Normen entsprechen sollte. So berichten spätantike Mönchstheologen über die Eigentümlichkeit monastischer Kleidung. Das Mönchsgewand sollte dabei nicht allein praktisch und funktional sein, seine einzelnen Gewandteile waren tief mit der Identität der Mönche verknüpft und dienten der Bekämpfung der Laster. So förderte die Kukulle („Mönchs-Kapuze“) Demut, als eine schützende Scheuklappe vor den Reizen der Welt und war zugleich Symbol für das Selbstverständnis der Mönche als Kinder Gottes – die Kukulle war nämlich (schon damals!) fester Bestandteil der Kinderkleidung!
In weiteren Beiträgen geht diese Ausgabe von Welt und Umwelt der Bibel den Hintergründen der Textilherstellung auf den Grund, erklärt literarische Metaphern alt- und neutestamentlicher Texte, macht sich mit Archäolog:innen auf „Schatzsuche“ in der Levante und klärt auf, was Siegel und Schmuckamulette mit der Identität der Träger:innen zu tun haben. Doch nicht nur Schmuckreste, auch Textilfragmente ermöglichen Einblicke in die Vergangenheit, z.B. bei der Spurensuche rund um Seiden aus dem Grab des hl. Paulinus von Trier. Nicht nur beim Interview mit dem Altphilologen Prof. Jan Radicke, der die literarische Beschreibung römischer Frauenkleidung als Ausdruck von Macht, Moral und sozialer Ordnung untersucht, beschleicht einen das Gefühl: Die bunten Fäden der Modewelt spinnen sich von der Welt und Umwelt der Bibel bis in die Gegenwart.
Berenike Jochim-Buhl
Was wir auf der Haut tragen
Der gemeinsame „Stoff“ von Mode und Religion
Shannon J. Parrott
Das bekleidete Zion im Jesajabuch
Die Bedeutung von Kleidung in prophetischen Metaphern
Berenike Jochim-Buhl
Dein Hals ist wie ein Turm, wie Purpur sind deine Haare
Kleidung, Körper, Schmuck: Metaphern im Hohelied
Sabine Bieberstein
Anstößige Frisuren, provozierende Kleider und zu viel Schmuck
Neutestamentliche Blicke auf Haartracht, Schmuck und Kleider von Frauen
Berenike Jochim-Buhl
Mit all ihren Schmuckstücken
Judits Gewand zwischen Frömmigkeit und Macht
Veit Dinkelaker/Berenike Jochim-Buhl
Gewickelt und gewebt
Kleidung der Bibel
Bruno Biermann
„Lege mich wie ein Siegel auf deinen Arm“
Die materiellen, sensorischen und sozialen Dimensionen von Siegeln in der Südlevante
Viola Costa/Nicole Reifarth
Seide aus dem Grab des hl. Paulinus von Trier: Fragmente einer Reise
Textile Spurensuche
Noa Ranzer
„Ein Kügelchen aus Gold, eine Perle aus Granat“
Kommunikationsstil: Schmuck in der Eisenzeit
Andreas Müller
Kleider fördern das eigene Selbstverständnis
Das Mönchsgewand in der Spätantike nach Evagrios Pontikos und Johannes Cassian
Interview
„Leitern in unser Nichtwissen vorschieben“
Ein Gespräch zur Frauenkleidung in römischer Literatur mit Jan Radicke